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Mittwoch, 18. Dezember 2024

Der Lebensprobenraum


"Tritt ein ins Experiment deines Lebens!" Ein großes Schild lockt auf dem Jahrmarkt in ein rundes Zelt mit einer hohen Spitze, auf der eine Fahne weht. Im Zelt steht nur ein Automat in der Mitte, daneben eine Dose mit altertümlichen Münzen zum Wechseln, falls man nur Scheine in der Tasche hat. 10 Minuten kosten 3 Münzen. Ich werfe sie in den Geldschlitz an diesem wundersamen Automaten und bin gespannt, wohin mich das führt.

Im Probenraum fürs Leben ist alles weiß, Wände, Boden, Decke. Alle Arten von Farben stehen zur Verfügung: Wachsmal- und Straßenkreide, Öl-, Aquarell- und Abtönfarbe, Filz- und Buntstifte und auch Bleistifte zum Skizzieren. Wenn ich an die Farben denke, sind sie da. Nur malen muss ich selbst.

Ich beginne, weil mir heute nichts anderes einfällt, wie damals im Kindergarten und male eine Sonne links oben in die Ecke. Strahlen gehen von ihr ab und führen weiter in den Raum und sogleich wird es wärmer. Im Kindergarten damals habe ich die Rutsche aus dem Garten gemalt. Sie war gestreift mit vielen bunten Farben und hatte eine Leiter mit fünf Stufen. Ich male sie und währenddessen entsteht sie dreidimensional im Lebensprobenraum. Vorsichtig stelle ich mich auf die erste Stufe der Leiter. Sie trägt mich und ich wage mich auf die zweite, die dritte, vierte und fünfte Stufe. Ich setze mich auf die buntgestreifte Rutsche und gleite – hei – nach unten und lande hart auf dem Po. Ich habe noch keine weiche Wiese gemalt, die mich sanft hätte auffangen können. Ein sattes Grün und bunte Tupfen für Klee- und Löwenzahnblüten, ich sehe, wie es wächst. Ich male weiter, jetzt sind es Menschen: Spielkammerad*innen, die mit mir rutschen, um die Wette, wer am schnellsten, öftesten, wildesten rutscht. Am Rand stehen nun Bänke aus Holz und darauf sitzen Eltern, Mamas und Papas, die ihre Kinder auffangen, wenn die Rutschpartien allzu dolle werden. Schmetterlinge flattern durch die Luft und am Himmel zieht eine Wolke in Herzform und eine andere sieht aus wie eine Ente.

Aus irgendeinem Lautsprecher zählt ein Countdown die letzte Minute herunter. Ich werfe ein paar Münzen nach und male das nächste Kapitel.

Freitag, 13. Dezember 2024

Eine Causa finita?


Als der Papst endgültig die Kirche schließt, atmet Gott erleichtert auf.
"Na endlich", nuschelt er in seinen Bart, "es hat auch nur zweitausend Jahre gedauert
." In Ewigkeitszeit ist das nur ein Wimpernschlag, in Erdenzeit schon etwas mehr und in Menschenzeit sehr, sehr lange.

Gott lehnt sich über die Himmelskante und sieht hinab auf Rom, wo die versammelten älteren Herren in Rot den Papst anblicken und die Welt nicht mehr verstehen. Wie auch? Sie sind jetzt arbeitslos, auf einmal nicht mehr mächtig und sie wissen so gar nicht, was sie nun anfangen sollen.

"Hey Papa", Gottes Sohn gesellt sich zu ihm. "Was ist denn da auf Erden los?"
"Sie sind endlich vernünftig geworden, naja, wenigstens einer von ihnen: Der Papst hat sich von einer Last befreit. Die anderen haben es nur noch nicht erkannt."
"Alles auf Anfang?", fragt Gottes Sohn.
"Nicht ganz, aber alle Möglichkeiten sind wieder offen. Endlich."

Unten in Rom bombardieren die Kardinäle ihren Papst mit Fragen.
"Was hast du dir dabei gedacht?"
"Was machen wir nun mit unseren schönen Kirchenhäusern?"
"Wem geben wir jetzt die Richtung vor?"
"Sollen alle unsere mühsam erarbeiteten Gesetze und Regeln in den Wind geschossen werden?"
"Wo soll …"
Der Papst hebt müde seinen Arm. "Geht nach Hause", sagt er. "Schlaft eine Nacht drüber. Ich nehme meine Entscheidung nicht zurück. Wir sehen uns morgen um 8 am Ufer des Tiber neben der Engelsburg." Und er lässt die verdutzten Kardinäle einfach stehen.

"Was war jetzt das?", fragt oben an der Himmelskante der Erzengel Michael, der auf seiner Nachmittagsrunde bei Gott und seinem Sohn vorbeischaut.
"Der Papst hat die Kirche geschlossen – für immer", erklärt Gottes Sohn.
"Brauchen sie Hilfe da unten?", fragt Michael.
"Ich bin nicht sicher", sagt Gott. "Warten wir morgen ab."

Schon vor 8 waren die Kardinäle am Ufer des Tiber, alle in ihren roten Roben, um wenigstens so ein Stückchen Wichtigkeit zu signalisieren. Der Papst kam barfuß und in leichtem Gewand. "Lasst uns im Flusswasser die Füße vertreten. Das wird am frühen Morgen die immer noch erhitzen Gemüter kühlen." Und er klettert auf einen Stein am Ufer, taucht den linken Fuß unter Wasser. Dann watet er langsam in den Fluss.
"Wie jetzt?", einer der Kardinäle ist entsetzt. Ein anderer macht es dem Papst nach und dann ein zweiter. Sie spüren Steine und Sand unter den Füßen, fließendes Wasser um ihre Knöchel. "Schööön!", entfährt es einem. Bald steht nur noch eine kleine Gruppe der Hartnäckigen in Lacklederschuhen am Ufer.

"Die Unbelehrbaren", seufzt Gott oben an der Himmelskante. "Michael, ihnen schickst du einen deiner Engel im Traum. Sie sollen sich erinnern, wie es war in ihren Kindertagen, als sie barfuß und unbeschwert die Welt entdeckt haben. Damals kannten sie keine Grenzen und sie pfiffen auf mühsame Gesetze. Das ganze Leben stand ihnen offen mit all seinen Farben. Damals, als sie neugierig waren und sich anfreundeten mit sich selbst und mit den Menschen – und mit mir."

Samstag, 23. November 2024

Mag-ich-mag-ich-nicht-Liste


Ich mag es, einfach so dazusitzen, den Wolken zuzusehen und Geräusche an mir vorbeiziehen zu lassen.

Ich mag fotografieren, auch wenn ich da noch viel lernen kann. Bilder, Motive zu entdecken und sie dann festzuhalten entweder mit der Kamera oder in meinem Herzen, das mag ich.

Ich mag keinen Schnupfen, wenn ich mir die Nase wund putze und sich Niesattacke an Niesattacke reiht: unnötig!

Unnötig wie Streit. Ich mag keinen Krieg und dass die Menschen nicht aus ihrer Vergangenheit und voneinander lernen.

Ich mag Sprachen und Dialekte mit ihrem ganz eigenen Singsang. Und ich mag es, sie daran zu erkennen. Italienisch, Holländisch, Bayerisch, Kölsch, (Mosel-)Fränkisch ...

Ich mag es, Menschen zuzusehen, großen und kleinen, wie sie gehen lernen, etwas ausprobieren, wie ihnen etwas gelingt, vielleicht erst nach ein paar Anläufen, und wie sie sich dann freuen.

Ich mag Semmelknödel.

Ich mag keine Zeitvorgaben, naja, nicht immer. Deadlines heißen nicht umsonst so.

Ich mag es nicht, wenn mein Pony zu lang ist und mir über die Augen hängt. Davon bekomme ich Kopfweh.

Ich mag Freiheit und selbst entscheiden können, meinen eigenen Rhythmus leben. Ach ja, ich mag Musik und singen im Chor oder für mich allein.

Ich mag keine doofen Autofahrer und -rinnen, rücksichtslose oder zu langsame. Da kann ich – allein im Auto unterwegs – auch schon mal meine gute Erziehung vergessen.

Ich mag es, wenn Menschen lächeln und wenn Wildfremde grüßen, weil ich sie anschaue im Vorübergehen. Das funktioniert fast überall über Grenzen hinweg.

Ich mag Zeit mit der Familie verbringen, zusammen über Gott und die Welt reden, lachen und furchtbar albern sein oder Tausend Fragen beantworten, mit Spiderman kuscheln und Flüsse mit B finden. Das ist kostbare Lebenszeit.

Ich mag das Meer und ich mag die Berge, auch wenn ich da seltener bin. 

Und ich mag Zufälle, die es ja eigentlich gar nicht gibt.

Sonntag, 3. November 2024

Was wäre, wenn ...?


Oder: Zurück in die Zukunft – eine Schreibreise

In diesem Jahr habe ich einen Kreativurlaub gemacht. In Österreich im Nationalpark Kalkalpen – die Gegend kannte ich aus einem Familienurlaub vor mehr als 40 Jahren – kam eine Gruppe fremder Menschen zusammen, die eines gemeinsam hatten: die Lust am Schreiben. Unter Anleitung von Susanne Niemeyer gab’s täglich Zeiten des Schreibens und unter eigener Regie Zeiten für Ausflüge, Wanderungen und Entspannung. Ich habe einige Orte und Ziele aus dem Urlaubsalbum der 80er wieder besucht und Damals-Heute-Fotos verglichen. Das war schön irgendwie, sicher auch, weil es mich nach vielen Jahren nochmal in die Berge geführt hat.

Am Morgen haben wir die Hirne aufgeweckt oder geleert – je nachdem – mit zehn Minuten automatischem Schreiben: einfach drauflos schreiben, was an Gedanken im Kopf herumschwirrt oder beschreiben, was wir wahrnehmen um uns herum. Daraus wurden ausgewählte Worte und Satzteile in bestimmte Schemata gebracht: Verdichtungen. Aus vorgegebenen oder zugelosten Stichworten und Satzanfängen entstanden kleine Texte, ebenso aus Beobachtungen und Notizen unterwegs. Und viele schöne Geschichten haben wir zu Papier gebracht und miteinander geteilt vor der wunderbaren Kulisse des Nationalparks.

Nun ist etwas Zeit vergangen und einige meiner Texte haben die ein oder andere Überarbeitung, den (vielleicht) letzten Schliff erhalten. Nach und nach halten sie jetzt Einzug in diesen Blog, die Verdichtungen machen den Anfang.


3 – 2 – 1 – 3 – 1 plus Überschrift

10 Minuten

still im Raum
konzentriertes Schreiben
rrrscht!
zischt der Stift
unaufhörlich


3 Satzteile 

höre den Vogel im Baum
ob er selbst komponiert?
Buchstaben aufs Papier malen


A – B – C – A – D – E – A – C

richtig große Bilder
zurückgeblieben mit all den Sachen
was in meinem Kopf ist
richtig große Bilder
zu viele Fragen
zu wenig Antworten
richtig große Bilder
die in meinem Kopf sind


A – B – C – A – B – R1 – R2 – B – C – R3 – R4 – C

ich, du, er, sie, es
ich bin es selbst
ein freier Geist in einem freien Land
ich, du, er, sie, es
ich bin es selbst
ich ändere meine Körperhaltung
das hat Auswirkung auf meine innere Haltung
ich bin es selbst
ein freier Geist in einem freien Land
ich möchte einen Smiley malen
ist das auch Schreiben?
ein freier Geist in einem freien Land

Montag, 30. November 2020

Die Schönheit der Schneeflocke


Damals an einem kalten Tag im Winter war es so weit: Die kleine Schneeflocke stand am Rand der Sprungschanzenwolke, streckte sich noch einmal bis in ihre letzten Kristallspitzen, atmete eine Portion Mut ein und sprang in den Wind. Mit vielen Freundinnen wirbelte sie durch die Luft, ließ sich tragen und genoss die schwerelose Freiheit. Durch eine kleine Wolkenöffnung schickte die Sonne einen Lichtstrahl, der die Schneekristalle zum Funkeln brachte. Die kleine Schneeflocke war stolz auf ihre schöne Erscheinung und freute sich, dass die Sonne ihr Glitzern hervorhob. 

Als sie noch mit den anderen in der Wolke wohnte, gab es regelmäßig Wettbewerbe, wer die feinsten Kristalle bilden konnte. Weil die kleine Schneeflocke Wert auf gutes Aussehen legte, achtete sie sehr auf die Reinheit des Wassers, das sie in sich aufnahm. Und so waren ihre Kristalle klar und makellos. An diesem Wintertag wirbelte sie also freudestrahlend durch die Luft der Erde entgegen und landete auf dem Handschuh eines kleinen Mädchens, das im Schnee tanzte und jauchzte. 

"Mama, sieh nur! Wie wunderschön diese Schneeflocke ist! Sie glänzt wie Silber und Edelstein!" Sie reckte der Mutter ihre kleine Hand entgegen. "Ich will sie küssen, weil sie mir so sehr gefällt." Als die warmen Lippen die kleine Schneeflocke berührten, schmolz sie und blieb als Tropfen in der Hand des Mädchens zurück. "Oh nein", rief das Mädchen, "Mama, ich habe die schöne Schneeflocke kaputt gemacht!" 

"Sei nicht traurig!", tröstete die Mutter ihr Kind. "Es ist so: Die kleine Schneeflocke hat sich durch deine Berührung verwandelt. Doch ihre Schönheit steckt immer noch in diesem Tropfen. Schau genau hin, wie er das Licht reflektiert und wie der Himmel sich darin spiegelt! Und das reine Wasser dieser kleinen Schneeflocke ist köstlich. Es stillt deinen Durst und gibt dir Lebenskraft."

Sonntag, 3. Mai 2020

Frühlingsspaziergang




Unter die Enten am Weiher im Park hat sich eine Gänsefamilie mit sechs Küken gemischt. Heute bin ich ihnen wieder begegnet. Ein Elternteil widmete sich intensiv der Gefiederpflege, der Nachwuchs kuschelte in zwei Gruppen zusammen, während das andere Elternteil Familie und Umgebung genau beobachtete. Langsam näherte ich mich unter dem wachsamen Gänseblick, um ein Foto zu machen. Als ich mich bei der Wachgans bedankte, nickte sie kurz, als wollte sie sagen: "Passt schon."

Mittwoch, 20. März 2019

Weltgeschichtentag - Auflage 3


Eine Lückengeschichte zum Weitererzählen


Pius Piratensohn

Pius hatte endlich Sommerferien. Die letzten Tage in der Schule ...

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Jetzt freute er sich erstmal auf einen Sommer voller Abenteuer. Am ersten Ferientag weckte die Sonne ihn schon früh auf. Während das Aufstehen ihm in der Schulzeit schwer fiel, hüpfte Pius an diesem Morgen fröhlich aus dem Bett. Im Haus war es noch ganz still. Mama und Papa träumten noch. Pius lief in ...

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Nachdem Pius seine Spielsachen durchgesehen, alle Spiele gespielt, ein paar Bälle im Basketballkorb über der Garage versenkt hatte, rief er seinen besten Freund Lorenz an. Aber Lorenz war für drei Tage zu seiner Oma gefahren. So schlich Pius durchs Haus bis auf den Speicher. Staubig war es dort und die Luft war ein bisschen stickig. Er kämpfte sich durch das Gerümpel Richtung Fenster, als er sich den dicken Zeh übel an einer alten Truhe stieß. Vor Schmerz hüpfte er auf einem Bein und fluchte: ... 

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Der Schmerz ließ langsam nach und Pius musterte die Truhe genauer. Sie war ziemlich groß, an einer Ecke war das Holz schon etwas abgesplittert und sie war verschlossen mit einem riesigen alten Schloss. Pius rüttelte daran. Nichts zu machen, es ging nicht auf. Unten rief Mama nach ihm: "Pius, wir haben Besuch! Tante Susanne und deine Cousine Charlotte sind da. Komm und sag Hallo!"
Das hatte Pius noch gefehlt. Ein Mädchen im Haus! Widerwillig stieg er die Treppe hinab und ging ins Wohnzimmer. Tante Susanne stürzte sich wie immer mit ausgebreiteten Armen auf ihn: "Junge, ...

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Pius ertrug es wie ein Held. "Übrigens Pius," hörte er Mama sagen, "Charlotte wird über die Ferien hierbleiben. Tante Susanne wird Onkel Roland auf einer Geschäftsreise begleiten." Peng! Das saß! Aus den Augenwinkeln betrachtete er Charlotte. Sie war ein Jahr jünger als er. Im letzten Jahr schleppte sie immer ihre Puppe Marilynn mit sich herum und wollte mit ihm Teekränzchen spielen. Aber jetzt sah sie gar nicht mehr so rosarot aus. Sie trug eine Jeans, Turnschuhe, ein ...  

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"Charlotte ..." – "Mama!" Charlotte war richtig sauer: "Du sollst mich nicht Charlotte nennen. Ich bin Charlie!" – "Charlotte, äh, also Charlie ist gerade in ihrer rebellischen Phase," erzählte Tante Susanne. "Sie liest nur noch Räuber- und Piratenbücher, ihre Puppen sind völlig abgeschrieben." Das fand Pius nun richtig gut und er wagte ein zaghaftes Lächeln in Charlies Richtung. "Kinder, wollt ihr nicht ein bisschen spielen gehen?", schlug Mama vor. Charlie lief zur Tür und Pius trottete hinterher. Draußen ...

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Dienstag, 8. Januar 2019

Selbstgespräche


Heute Abend kam mir eine junge Frau entgegen, laut lamentierend. In der Dunkelheit habe ich sie zunächst gehört und erst danach erkannt, dass sie verkabelt war - also telefonierte. 

"Eigentlich praktisch", schoss es mir durch den Kopf. "Wer zu Selbstgesprächen neigt und sich bisher in der Öffentlichkeit dafür genierte, nehme ein Paar Ohrstöpsel eines vielleicht ausgedienten Handys und stopfe sie in die Ohren, das andere Kabelende in irgendeine Jacken- oder Hosentasche, das Kabel gut sichtbar über die Kleidung drapiert, und los geht's!"

Was immer du jetzt gänzlich ungeniert - fröhlich oder grübelnd, mehr oder weniger laut - mit dir selbst besprichst, ein jeder wird denken, dass du telefonierst, und nichts Schrulliges dabei finden. Und was anderes sind Selbstgespräche als Telefonate mit dir selbst?

Donnerstag, 22. Dezember 2016

Brief einer Pendlerin


Liebe Bahn,

ich bin sehr beeindruckt vom Einfallsreichtum und den immer neuen Aktionen, mit denen wir Kunden unterhalten werden. Heute durfte ich Teil eines Abenteuers werden, das zu erleben mir bislang versagt war:

Auf dem Heimweg nach einem kurzen Aufenthalt an einem der Unterwegsbahnhöfe, an dem unser Zug freundlicherweise einem anderen den Vortritt ließ - wären doch nur alle so rücksichtsvoll, die Welt könnte so viel besser sein - setzte der Zug seine Fahrt fort, zog ein bisschen das Tempo an, um die leichte, altruistisch bedingte Verzögerung aufzuholen, und - verfehlte die nächste Haltestation nur ganz knapp, bremste abrupt, aber mit ganzer Kraft und kam endlich nur einige Dutzend Meter hinter dem Bahnhof zum Stehen. Puh! Da standen wir nun. Die Mitreisenden, die eigentlich aussteigen wollten und sich schon an der Tür positioniert hatten, waren hin und her gerissen, ob sie sich dem Abenteuer tatsächlich an dieser Stelle entziehen sollten. Für einige war die Verlockung zu groß und sie nahmen wieder Platz, gespannt, was noch kommen sollte. Nach langem Warten kam ein Knacken aus den Lautsprechern, eine Stimme meldete sich mit einer Durchsage - einer dieser seltenen beglückenden Momente! "Wegen einer technischen Störung verzögert sich die Fahrt auf ... es geht bald weiter." Beruhigt lehnte ich mich zurück und zog ein paar Arbeitsblätter aus der Tasche, immer gerüstet für alle Fälle. Nach einer weiteren Weile und einem kurzen Knacken im Lautsprecher begannen die ersten Reisenden mit der Kontaktaufnahme zur Außenwelt, informierten Familie und Freunde über Aufenthaltsort, Stand der Dinge und erhoffte Ankunftszeit. Da plötzlich! Was keiner zu diesem Zeitpunkt zu glauben gewagt hatte: Der Zug setzte sich in Bewegung, behutsam und langsam tastete er sich durch die dunkle Nacht - Meter um Meter - zurück an den verpassten Bahnhof. Schweren Herzens trennte sich hier ein Teil der Reisenden und verließ den Zug, der nach weiterer Pause und rücksichtsvollem Vorbeilassen eiliger Züge mutig seinen Weg in die ursprüngliche Richtung fortsetzte, um dann aber doch wegen "technischer Störung - wir bitten, dies zu entschuldigen" vorzeitig zwei Stationen vor dem Ziel aufgeben und enden zu müssen. Ich war zuhause und beneidete die Weiterreisenden, die es in neue, ferne Bahnabenteuer zog, fast ein bisschen.

Liebe Bahn, vielen Dank für diese adventliche Erfahrung des Wartens. Jetzt kann Weihnachten kommen!

Sonntag, 15. März 2015

Lernerfolg


Erkläre einem 6-Jährigen Sonnen- und Mondfinsternis, während alle nach dem Kaffee gemütlich auf dem Sofa sitzen: Mit Spielsteinchen, das sich vor Spielsteinchen und im zweiten Versuch vor eine Taschenlampe schiebt, war die Sache mit den Lichtkranz von selbst klar. Aber wer schiebt sich wann in wessen Schatten? - "So, ich bin die Sonne, der Opa ist die Erde und du bist der Mond. Jetzt lauf um den Opa! Stop! Jetzt stehst du zwischen Sonne und Erde und von der Erde kann man die Sonne nicht mehr sehen. - Lauf weiter, stop! Und jetzt ist der Opa, also die Erde, zwischen Sonne und Mond ..." Da erhellt sich das kleine Gesicht: "Ahhh! Jetzt versteh ich! Jetzt hab ich wieder was Neues gelernt."




Schön zu sehen, wie aus der Finsternis ein Licht aufgeht.

Donnerstag, 1. Januar 2015

Fabula rasa





















"Du weißt nicht, was ich male.""Ein Seepferdchen?""Nein. Das ist ein Hai. Hier das ist die Flosse", mein 4-jähriger Neffe zeigt erst auf die linke Seite seiner Zeichnung, dann auf die rechte, "und das ist das Maul und der Bauch. Und unten hat er noch eine Flosse. Drei Flossen. Und der Strich ist das Gehirn." Er nickt ernsthaft. "Haie sind gefährliche Fische.""Ja, das sind Raubfische."

Diese kleine Szene hat sich am ersten Weihnachtstag abgespielt. Seitdem denke ich darüber nach. Über die Raubfische, die mich in den vergangenen Monaten umkreist haben: Gewohnheiten und Befindlichkeiten, Stimmungen und Gefühle, die – wenn sie übermächtig werden – gefährlich sind.

In einer Ansprache an die Mitarbeiter der Kurie hat Papst Franziskus kurz vor den Feiertagen fünfzehn Krankheiten benannt, die er nicht nur für die Kurie, sondern für die ganze Kirche beschreibt. Da, wo Menschen miteinander leben, arbeiten, zu tun haben, da lassen sich die vom Papst aufgezählten Krankheiten wie Narzissmus, Halsstarrigkeit, Eitelkeit und Arroganz ausmachen.

Ich nehme das Bild dieses Hais mit in das gerade begonnene Jahr als Mahnung für einen wachsamen Umgang mit meinen Adebars, Hennings, Gieremunds und Boldewyns 2015.

Freitag, 16. Mai 2014

Redewendung


Heute Morgen begegnen mir zwei Schüler. Einer von ihnen, der etwas größere, lässt sich Zeit, mehr als dem anderen lieb ist. Denn bis zum Beginn der ersten Stunde sind es nur noch einige Minuten. Also treibt der kleinere den großen an: "Jetzt beeil dich mal! Pünktlichkeit ist das A und O.“ Er hält inne und die Fragezeichen sind ihm ins Gesicht geschrieben. „Ich weiß nicht, was A und O ist." 
Doch dann findet er eine Lösung: "Pünktlichkeit ist das A und B."

Mittwoch, 20. März 2013

Weltgeschichtentag - Auflage 2


Das Radio hat mich aufmerksam gemacht, dass heute wieder Weltgeschichtentag ist, und mir auch gleich eine Idee für meinen Beitrag dazu geschenkt.


Eine Geschichte für Generationen

Mein Vater hat uns in Kindertagen immer wieder gerne die folgende Geschichte erzählt:

Es war einmal ein Vater, der hatte sieben Söhne. Da sprach der Jüngste: Vater, erzähl uns eine Geschichte! Da sprach der Vater: Es war einmal ein Vater, der hatte sieben Söhne. Da sprach der Jüngste: Vater, erzähl uns eine Geschichte! Da sprach der Vater: Es war einmal ein Vater, der hatte sieben Söhne. Da sprach der Jüngste: Vater, erzähl uns eine Geschichte! Da sprach der Vater: Es war einmal ein Vater …

Schon sein Vater hatte meinem Vater diese Geschichte erzählt und so hat er jedes Mal, wenn wir nach einer Geschichte verlangten, zunächst versucht, uns mit dieser Endlosgeschichte abzuspeisen. Aber schon nach dem ersten Satz protestierten wir laut: "Nein, nicht die! Eine andere, eine richtige Geschichte!" Da halfen auch neu erfundene Varianten – Es war einmal eine Mutter, die hatte sieben Töchter – nicht weiter, dasselbe in Grün wollten wir genauso wenig hören.

Andererseits soll man alte Familientraditionen nicht einfach über Bord werfen und so haben wir vor einer Weile meine beiden Neffen mit dieser Geschichte beglückt und zwar gleich in mehreren Versionen, von Vater und Söhnen, Kuh und Kälbern und – ganz abstrakt – von Woche und Tagen.

Dieser Tage habe ich erfahren, dass mein Neffe (4 Jahre alt) sich unsere Geschichte schon ganz zu eigen gemacht hat. Er stand mit seiner Mutter am Fenster zum Garten, diesen betrachtend. Ihre Blicke fielen auf den alten Sandkasten der Nachbarn, aus dem deren Kinder längst entwachsen sind. Versonnen sagte seiner Mutter: "Es war einmal eine Matschkiste, die hatte …" – "... sieben Regenwürmer.

Dienstag, 1. Januar 2013

Lang may yer lum reek


Seit Jahren hat mich der Gedanke fasziniert, den Jahreswechsel in einer Kirche zu verbringen. In meiner Phantasie wollte ich in der stillen und dunklen Kirche sitzen, während draußen die bunten Lichter der Feuerwerksraketen aufblitzen würden.
Es wurde zwar still in der Kirche, in die die Pallottiner zur "offenen Wakinacht"(1) eingeladen hatten, als es kurz nach Mitternacht fast alle nach draußen drängte, wo einige Raketen und Wunderkerzen abgebrannt wurden und die Leute vor dem Essens- und Getränkezelt mit Sekt auf das neue Jahr anstießen. Doch die Lichter in der Pallottikirche blieben an.

Nach der nahezu überfüllten Jahresschlussandacht am frühen Abend blieben viele zum kurzweiligen Programm zum Jahresaus- und einläuten. Jeweils zur vollen Stunde kam der kanadische Geschichtenerzähler, eine 15-minütige Geschichte vorzutragen und jede mit dem keltischen Neujahrswunsch zu beenden: "Lang may yer lum reek! / Lang möge dein Schornstein rauchen!Draußen vor der Kirche brannte passend dazu das wärmende Lagerfeuer.

In Nebengebäuden wurden die lange Filmnacht und kreatives Arbeiten mit literarischen Texten zur Verabschiedung des alten und Begrüßung des neuen Jahres angeboten, und im Saal – der "Wärmestube" – lagen Spiele für Groß und Klein bereit. In der Kirche gab es einen kabarettistischen Jahresrückblick, eine "ad hoc"-Chorprobe, Wort-Weisen zu Zeitenwenden, die Möglichkeit zu Vier-Augen-Gesprächen und thematische Stationen.

An der ersten Station konnte man das Jahr in Bildern Revue passieren lassen, an der nächsten sein Wissen mit einem Jahresquiz 2012 testen. Um Altlasten der letzten zwölf Monate hinter sich zu lassen, lud ein großer Wasserkrug ein, sich gegenseitig die Hände zu waschen. Das, was im alten Jahr nicht gelungen war, konnte man tatsächlich knicken und als leuchtendes Knicklicht an der Krippe ablegen. Und schließlich stand ein Materialtisch bereit, Wortgeschenke für andere oder für sich selbst zu basteln, "denn manche Wörter sind viel zu schade, um sie nur zu sagen."

Das Kabarett habe ich genossen, ebenso wie das Einstudieren der vier Lieder mit den beiden musikalischen Patres, die aus den Wakinachtbesuchern mal eben einen Chor für das Mitternachtsgebet machten. Wunderbar!

Ich habe lange überlegt, welches Wort ich basteln möchte, habe viele verworfen und erst, als ich mit einem Knicklicht meinen Unmut aus dem vergangen Jahr zur Krippe gebracht habe, das Wort gefunden, das ich mir für 2013 schenke: 
















Möge aus dem Unmut von 2012 in 2013 Mut werden! Und mögen eure Schornsteine lange rauchen! Ein gutes neues Jahr 2013 für uns und alle!



(1) Waki = Wallfahrtskirche

Sonntag, 16. Dezember 2012

Ein Tag mit Maria und Josef


Gestern Abend hat eine Freundin die beiden zu mir gebracht. Ich habe ihnen gerne Herberge für eine Nacht gegeben. Sie haben sich aneinander gekuschelt und im warmen Wohnzimmer geschlafen, während es draußen nasskalt war.

Heute Morgen am 3. Advent haben wir gemeinsam gefrühstückt. Ich hatte noch die Zeitung aus Bethlehem, in die Olivenholzschnitzereien eingewickelt waren, und so konnte Josef Nachrichten aus der Heimat lesen. Maria erzählte mir von ihrer Reise. Für sie ist der lange Weg im letzten Monat ihrer Schwangerschaft sehr beschwerlich. Doch die vielen Begegnungen mit den Menschen, die die beiden unterwegs treffen und die sie jeden Tag aufnehmen, lassen Maria all die Strapazen vergessen. Die Gastfreundschaft und Herzlichkeit, die ihr und ihrem Mann entgegengebracht werden, überwältigen sie. Und auf Josef kann sie sich immer verlassen, das macht sie stark für den gemeinsamen Weg. Als sie das sagte, lächelte Maria leise und glücklich.

Am Nachmittag war ich bei meiner Familie hier im Ort zum Videotelefonieren mit der restlichen Familie im Norden verabredet. Maria und Josef haben mich begleitet. Das war sehr aufregend für sie. Josef konnte nicht begreifen, dass man mit einem schwarzen Klappkasten in eine andere Wohnung über hundert Kilometer entfernt sehen kann. Das hätte er sich für die Volkzählung gewünscht: die Verwaltungsstelle einfach per Computer kontaktieren und sich registrieren lassen. Statt dessen musste er sich mit seiner hochschwangeren Frau auf die lange anstrengende Reise machen. Maria hingegen hat es genossen, meine kleinen Neffen kennenzulernen, mit ihnen zu singen und ihnen ihre Geschichte zu erzählen.

Am Ende unseres gemeinsamen Tages waren wir zusammen mit Freunden im Friedenslicht-Inspire, einem Gottesdienst in der Jugendkirche. Pfadfinder aus der Nachbarstadt haben dazu eingeladen und am Ende das Licht aus Bethlehem verteilt. Kerze um Kerze wurde am Friedenslicht entzündet und gegen alle Gewalt und Not in der Welt und als Gebet für die Opfer von Krieg, Verbrechen und Armut breitete sich das Licht aus. Maria war davon sehr angerührt, sie streichelte über ihren Bauch und sagte: "Er ist der Friedensfürst. Er zeigt uns den Weg der Liebe und des Friedens." 

Dann wurde es Zeit für den Abschied. Josef musste mit Maria weiterziehen. Ein letztes Foto, noch einmal winken, und sie waren wieder unterwegs. Wohin wird ihr Weg sie in den nächsten Tagen führen? Was werden sie noch erleben?

Mein Tag mit Maria und Josef war ein besonderes Geschenk. Ich werde gern daran zurückdenken und die beiden in meiner Erinnerung behalten. Schön, dass ihr meine Gäste wart.







Freitag, 21. September 2012

Das Festbankett


Alles ist für den großen Empfang gerichtet: die lange, festlich gedeckte Tafel, der prachtvolle Blumenschmuck in allen Räumen, die im hellen Licht der goldenen Kronleuchter erstrahlen. Auch das Personal in den makellosen Uniformen mit den blütenweißen Westen steht bereit.

Wenn nur das Warten nicht wäre! Es ist fünf vor zwölf – lange kann es nicht mehr dauern, bis der Ehrengast endlich eintreffen wird.

Die geladenen Gäste in ihren schmucken Festtagskleidern sind schon da: Die Routine plaudert in der Halle mit dem Alltagstrott. Die Gleichgültigkeit lehnt in der Tür zum Speisesaal und die Bequemlichkeit hat sich in einem Sessel niedergelassen. Die Inkonsequenz diskutiert mit dem guten Willen, während die Angst vor der eigenen Courage nervös auf und ab geht. Die Ausdauer hat sich in letzter Minute entschuldigt, ihr Bruder, der Idealismus, sei ernsthaft erkrankt.

Draußen fährt eine große Limousine vor. Aber es ist nur die Einsicht, wie immer ein bisschen zu spät. Sie hat Nachricht vom gegenseitigen Respekt, den bisher niemand so richtig vermisst hat: Er steckt in schwierigen Verhandlungen mit der Machtgier und der Verlustangst fest und musste seine Teilnahme am Festbankett wieder absagen.

Vom Tross des Ehrengasts ist noch immer nichts zu sehen, weder vom üblichen Aufgebot an Sicherheitskräften noch von ihm selbst. Die Ungeduld macht sich in der Tafelrunde breit und beginnt ein Streitgespräch mit der Selbstgefälligkeit und dem falschen Stolz.

Plötzlich verstummen die Streithähne, ihr Blick fällt auf den Ehrenplatz. Den hat ein Pärchen eingenommen, ganz offensichtlich Geschwister. Unbemerkt von der Gästeschar, die so sehr mit sich selbst beschäftigt war, sind sie in den Festsaal gekommen. Ihr Erscheinungsbild will nicht so recht in die illustre Gesellschaft passen. Sie tragen keinen Schmuck, ihre Kleidung ist an einigen Stellen zerrissen und die Schuhe haben sie auf ihrem langen Weg verloren. Eilig stürzt das Personal herbei, um diese Fremden zu entfernen. Doch dann halten sie inne. Die beiden strahlen eine große innere Ruhe und Würde aus und sind dabei bescheiden und freundlich. Ihre Augen lächeln.

Der sehnlichst erwartete Ehrengast hat seine Zwillingsschwester mitgebracht, denn beide sind unzertrennlich: der Frieden zwischen den Völkern und die Bereitschaft zur Versöhnung.

 
(zum heutigen Internationalen Tag des Friedens, 1981 von den Vereinten Nationen ausgerufen als globaler Appell für Gewaltfreiheit und Waffenstillstand und zur Stärkung der Idee des Friedens zwischen den Völkern)

Dienstag, 20. März 2012

Weltgeschichtentag


Es gibt tatsächlich einen Weltgeschichtentag und der ist heute. 2012 geht es um das Thema Bäume. Das greife ich gerne auf, um eine kleine Geschichte zu erzählen.


Vom Baum und der Kraft des Lebens

Man hatte ihn gefällt, aus dem Wald verschleppt und seiner majestätischen Krone beraubt. Die Äste hatten sie ihm gestutzt und seinen Stamm in Stücke zerlegt. Brennholz sollte er werden und so lag er nun da, bevor er weiter gespalten und aufgestapelt werden sollte, um zu trocknen.

An seinen offenen Schnittwunden konnte man die Jahresringe zählen. Viele Jahre hatte er im Wald gestanden, seine Wurzeln tiefer und tiefer in die Erde gegraben, um Kraft zu schöpfen und zu wachsen. Er war groß geworden und hatte seine Äste ausgebreitet, um die Welt zu umarmen. Jedes Jahr, wenn der Winter weiterzog, formte er neue Triebe, Blätter und Knospen. Er lächelte der Sonne entgegen und genoss ihre warmen Strahlen auf seiner Rinde. Zusammen brachten sie das saftigste Grün hervor, um die zurückkehrenden Vögel einzuladen. Im Schutz der Blätter bauten sie ihre Nester und zogen ihre Jungen groß. Der Baum liebte es, ihren Liedern und Melodien zu lauschen. Mit den Vögeln kamen auch andere Waldbewohner und lebten bei dem Baum. So verging Sommer um Sommer und in jedem Herbst sammelten die Eichhörnchen die Früchte des Baumes als Vorrat für den Winter. Die Vögel verabschiedeten sich und versprachen, im nächsten Frühjahr wieder zurückzukommen. Und der Baum schillerte in bunten Farben, bevor er seine Blätter im Spiel des Windes entließ. In der Winterruhe träumte er dann von den Liedern der Vögel, von den zarten Berührungen der Eichhörnchen, wenn sie an seinem Stamm rauf und runter kletterten, und von den ersten warmen Sonnenstrahlen.

Eines Morgens, als die Sonne gerade über den Hügel stieg, malte jemand einen großen farbigen Kreis auf die Rinde des Baumes. Später kamen sie mit lauten Sägen und Maschinen. Nun lag er da.

Und der Baum tat, was er in jedem Jahr tat, wenn der Winter weiterzog: Er formte neue Triebe und Blätter, weil Frühling war und er tief in seinem Innern das Leben spürte.



Dienstag, 21. Februar 2012

Wann sind wir da?


Oder: Wie Seelenschrammen entstehen können

Es war oder es war nicht ein kleiner Junge, der seine Oma besuchen wollte. Also packten seine Mutter und er ihre Rucksäcke und stiegen in den Zug. Die Fahrt sollte sehr lange dauern, über vier Stunden – eine kaum vorstellbare Zeit für einen Jungen von vier oder fünf Jahren. Am Anfang war alles noch spannend: der Großraumwagen der Bahn, der kleine Klapptisch an seinem Platz, auf dem der Kleine seinen Dino und seinen LKW hin und her schieben konnte. Die Welt da draußen flog vorbei, so schnell konnte man fast gar nicht gucken. Fröhlich sang der kleine Junge ein Phantasielied. Nach ein paar Takten sagte die Mutter zu ihm, er solle leiser singen, weil die anderen ihn sonst nicht mehr mögen würden.

An diesem Teil der Geschichte sollte ich schon stutzig werden. Wieso müssen die anderen ihn mögen? Den ein oder anderen Mitreisenden mag der Gesang stören. Aber wie viele werden den kleinen Jungen jemals wieder treffen und sich dann erinnern, dass er einmal so laut gesungen hat? Doch weiter geht’s:

Der Junge sang etwas leiser und kommentierte: "Ich kann sehr schön leise singen, ja, Mama?" Das konnte er. Aber bald war das Lied zu Ende und der Junge wollte lieber herumrennen. Er zog sich, wie ihm geheißen, seine Schlappen an und ging hinüber zum Fenster neben der Tür des Großraumwagens. Auch da draußen flog die Welt vorbei und der Reisende, der ihn so freundlich anlächelte, war viel interessanter. Die beiden unterhielten sich eine Weile, wobei die kleine Spielzeugfigur guten Gesprächsstoff lieferte. Derweil packte die Mutter den Thriller eines Bestsellerautors aus. Darin vertieft mischte sie sich erst wieder ein, als der Reisende etwas lauter und bestimmter wurde, weil der Kleine überall herumkletterte. "Nein, nicht, lass das sein! Komm wieder her!" Und so kletterte der Junge wieder zurück auf seinen Platz.
Essen war jetzt ein gute Idee und bald knabberte er am angebotenen Wurstbrot. Mutter und Sohn unterhielten sich über "Tigers". – "Nein", verbesserte die Mutter, "das heißt Tiger, nicht jeder Plural hat ein S am Ende." Als das Thema "TigersTiger, das heißt Tiger!" – ausdiskutiert war, packte der Junge ein Aufziehauto aus und zog es hin und her über den Rand der Fensterscheibe. "Nicht, so geht es kaputt. Du kannst das Auto ja bei der Oma über das Parkett laufen lassen.""Wann sind wir denn bei der Oma?"

Da war sie, die Frage aller Fragen, wenn man aufbricht zu einer unvorstellbar langen Reise. Man sollte versuchen, sie so lange wie möglich hinaus zu schieben und wenn sie gestellt ist, ein paar Ablenkungsmanöver in der Hinterhand zu haben. Sehen wir, wie sich die Geschichte weiterentwickelt:

"Oh, das dauert bestimmt noch zwei Stunden.""Aber wann sind wir dann da?" Jede Antwort, die die Mutter gab, konnte den Jungen nicht zufrieden stellen und so wiederholte er seine Frage wieder und wieder. "Sehe ich so aus, als ob ich an der Uhr drehen könnte?""Ja!""Ja gut, aber davon vergeht die Zeit nicht schneller und der Zug kann nicht fliegen." Nein, fliegen konnte der Zug nicht, so schnell er auch fuhr. "Aber wann ...""Guck mal, wenn der kleine Zeiger da und der große Zeiger ganz oben steht, dann sind wir da.""Wie lange ist das? Der große Zeiger muss noch so weit gehen." Der Zug fuhr weiter, vorbei an Feldern und durch Städte und Dörfer. "Guck doch raus, was du siehst." Der Junge entdeckte auf einem vorbeiziehenden Bahngelände einige schwarz-gelbe Geländer. "Ich seh Stangen.""Nein", sagte seine Mutter, als sie aufblickte. "Ich seh nur Bäume."
Es ging vorbei an Straßen und Häusern und der kleine Junge bot seiner Mutter eine Geschichte an: "Vielleicht gehen die da wohnen auf den Spielplatz." Aber diese, zusehends genervt, tat das murmelnd ab: "Das glaub ich eher nicht." Auch seine Feststellung, dass er das da draußen jetzt alles erkenne, wurde abgeschmettert, denn schließlich konnte das nicht sein, weil das Ziel noch lange nicht in Sicht war. Damit war der Junge erneut auf sich allein gestellt.
Und der Kleine stellte die einzige Frage, mit der er seine Mutter irgendwie erreichte: "Wann sind wir denn da?" Er stellte sie in allen möglichen Variationen, abwechselnd jedes Wort betonend, weinerlich, sich auf seinem Sitzplatz windend, und vor allem: Er stellte sie immer wieder. Und je öfter er fragte, desto mehr verlor die Mutter ihre Fassung. "Kannst du nicht mal deinen Mund halten?""Ich kann aber meinen Mund nicht halten.""Sei doch einfach mal still!" Und: "Sehe ich so aus, als ob mich das interessiert?" Oder: "Schreib’s auf!""Ich kann aber doch gar nicht schreiben."

Schreiben ist ein schönes Stichwort. Ein paar Malstifte und etwas Papier hätten den Kleinen sicher für eine Weile beschäftigt. Oder ein Bilderbuch, das man gemeinsam hätte lesen können. Oder ein Spiel für zwei. Aber unsere Geschichte ist noch nicht ganz zu Ende:

Nachdem sein Durst gestillt und die Flasche für später neu befüllt war, griff der Junge noch einmal in seinen Rucksack mit dem Spielzeug und prompt fiel etwas auf den Boden. Also zog er wieder seine Schlappen an, kletterte unter den Sitz und angelte das Teil hervor, kommentiert von seiner Mutter: "Auf deine Sachen aufpassen, kannst du also auch nicht." Und Mutters Sachen waren sowieso tabu. "Ich habe dir gesagt, du sollst die Finger von meinen Sachen lassen!" "Warum?""Lass es!"
So beschäftigte er sich wieder mit der Frage, wann man denn nun endlich bei der Oma ankäme, und hörte von seiner Mutter in verzweifelt wütendem Ton: "Wenn du dauernd so quengelst, dann können wir eben nicht mehr zur Oma fahren. Kannst du nicht mal für eine Sekunde still sein?" Und schließlich, als der Zug schon im Zielbahnhof einfuhr und die beiden ihre Rucksäcke schulterten, bekam der kleine Junge eine letzte Antwort: "Wenn du hier noch weiter quengelst, dann mag die Oma dich nicht mehr!""Aber die Oma freut sich, wenn ich komme. Wo ist die Oma?""Weg!"
Auf dem Bahnsteig verloren sich ihre Spuren im Gewühl der Menschen. Reisende von hier nach dort.

Mir tut’s in der Seele Leid um so einen kleinen Jungen, der sich mit seinen Mitteln so tapfer gegen die wütende Not – oder die (un)nötige Wut? – seiner Mutter wehrt. Ich hoffe, seine kleine Seele trägt keine irreparabel großen Schrammen davon. Seiner Mutter wünsche ich Gelassenheit und etwas Balsam für die eigene Seele.
Was ich aus dieser Geschichte lerne? Wenn ich mal mit einem kleinen Menschenkind auf Reisen gehe, dann werde ich meinen Bestsellerroman zu Hause lassen und lieber bunte Stifte, ein Geschichtenbuch und etwas Phantasie einpacken. Denn ich bin die Erwachsene, der eine junge Seele anvertraut ist.