Sonntag, 27. März 2016

Unbändig


Vor mehr als 30 Jahren habe ich in Lindau am Bodensee in der Nähe des Diebsturms folgende Szene beobachtet:

Zwei alte Damen, beide in dunkelblauen Mänteln, liefen sich ein wenig wackelig vor einer langen hellen Mauer entgegen, ein wohl zufälliges Aufeinandertreffen. Sie drückten ihre unbändige Freude über das Wiedersehen aus, indem sie schon von weitem ihre Arme in die Höhe reckten, und ihre Gesichter strahlten wie die Sonne am Himmel.

Mich hat diese Szene damals sehr angerührt und, obwohl ich einen Fotoapparat in der Hand hatte, konnte ich den Auslöser nicht drücken. Es war irgendwie ein magischer, vielleicht ein heiliger Moment, den eine Aufnahme nie hätte erfassen können. Ich habe alles in meiner Erinnerung bewahrt, es ist mir zu einem Herzensbild geworden.

Warum mir das zu Ostern wieder in den Sinn kommt? Es ist diese unbändige und ehrliche Freude, die die beiden alten Damen so ausdrücklich verspürten und verbreiteten, die Freude, die das Leben segnet und die Hoffnung stärkt.

Sonntag, 22. März 2015

Ich habe keine Hände als eure


Predigt zu Lk 19,1-10 für eine Fastenandacht zur Synode im Bistum Trier 2013-16

   
 

Liebe Gemeinde,
ich habe mir Gedanken gemacht, wie ich Sie heute Abend begrüßen soll, welche Anrede ich wählen soll. Mein kluges zweijähriges Patenkind hat geraten, ich solle sagen: Guten Abend. Nach meinem ersten Schmunzeln, fand ich die Idee gar nicht so schlecht, ist es doch ein päpstlicher Einstieg. Denn das waren ja auch die ersten Worte, die Franziskus als frisch gewählter Papst an das Volk richtete.

Also, guten Abend, liebe Gemeinde!

Seit vergangenem Sommer bin ich Synodale. Ursprünglich hat mich die Kolpingjugend Diözesanverband Trier als Vertreterin der Jugendverbände vorgeschlagen. Nach dem Rücktritt der erstgewählten Jugendverbandsvertreterin bin ich als Mitglied in die Synode nachgerückt. Die dritte Vollversammlung Anfang letzten Oktober war meine erste und zum Einstieg und Ankommen ganz gut geeignet. Zu Beginn bekam ich – wie alle Synodale – eine Urkunde vom Bischof und diesen Synodenschal, der bei den gemeinsamen liturgischen Feiern getragen wird.

Am ersten Abend der Vollversammlung präsentierten alle Sachkommissionen ihre bisherige Arbeit, ihre Zwischenergebnisse, aber auch ihre Fragen auf einem sogenannten "Marktplatz". Dort gab es Gelegenheit zu regem Austausch, zu Gesprächen mit einzelnen Kommissionsmitgliedern, um tiefer in die Themen einzusteigen und auf Plakaten Anregungen für die Weiterarbeit zu hinterlassen. Mir hat das einen guten Überblick darüber verschafft, wo die Synode steht. Und ich habe gestaunt, wieviel Auf- und Umbruch da zu spüren war. Der Wunsch nach Veränderungen – in strukturellen wie inhaltlich-pastoralen Fragen – ist groß. So hat die Sachkommission 3 "Zukunft der Pfarrei", der viele Priester angehören, ganz plakativ und überspitzt formuliert: "Die alte Pfarrei ist tot!" Es wird unter anderem beklagt, dass zu viel Verwaltungsarbeit in den großen Einheiten auf den Pfarrern lastet und kaum noch Zeit für die Seelsorge lässt. Dass der Druck so hoch zu sein scheint und auf der Synode so deutlich benannt wird, hat mich überrascht.
Viele Wege und Modelle – auch solche, die in anderen Bistümern und Ländern schon gedacht und umgesetzt wurden – werden in den Sachkommissionen angeschaut, nachgedacht oder neu entwickelt. Oft passen die Begriffe, die wir heute verwenden, nicht mehr oder hängen zu sehr am bisherigen Verständnis. So wird auch um Worte, Namen und Formulierungen gerungen. Die Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen und im geschützten Raum der Synode und der Kommissionen alle Möglichkeiten zu denken, erlebe ich als hoch. Es geht um nicht weniger als um die Zukunft der Kirche von Trier, um die Verwirklichung des Reiches Gottes in der Kirche von Trier. Wieviel Aufbruch ist dazu nötig und wieviel Bewahren ist möglich? Oder umgekehrt: Wieviel Aufbruch ist möglich und wieviel Bewahren nötig?
An den folgenden zwei Tagen der Oktober-Vollversammlung hat jede der zehn Sachkommissionen ihren Arbeitsstand noch einmal im Plenum vorgestellt. Da wurden Fragen diskutiert, Anregungen und Vorschläge gegeben, Bedenken und Gegenpositionen formuliert. Die Diskussionen und Begegnungen auf der dritten – also meiner ersten – Vollversammlung habe ich als offen und konstruktiv erlebt. Am Ende habe ich mich dann entschieden, in der Sachkommission 8 mitzuarbeiten: "Die Vielfalt der Charismen entdecken und wertschätzen".
In die Arbeit dieser Sachkommission kann ich mein Verständnis von kirchlicher Jugendverbandsarbeit und ehrenamtlicher Verbandsarbeit ganz allgemein einbringen. Für das Synodenhandbuch habe ich geschrieben:

"Für viele Menschen ist Jesu Verheißung vom Leben in Fülle (Joh 10,10) in unserer Kirche nicht mehr spürbar, sie suchen Erfüllung außerhalb. Doch wir haben in unseren Jugend- und Erwachsenenverbänden eine Fülle an Leben, an Lebenserfahrungen und Talenten. Diese Talente zu fördern, nicht zu beschränken, diese Lebenserfahrung konstruktiv einzubinden in einer offenen einladenden Kirche – das ist meine Motivation."

Und das ist mir wichtig bei der Entwicklung von Empfehlungen und Handlungsoptionen, die dem Bischof am Ende aus jeder Sachkommission per Synodenbeschluss übergegeben werden. Unsere Sachkommission trifft sich etwa alle 4 Wochen. Bei den Treffen arbeiten wir intensiv, kreativ und in einer sehr angenehmen und offen Atmosphäre miteinander.

In der letzten Woche hat meine Mitsynodale hier bereits von den Inhalten unserer Sachkommission 8 berichtet. Was ist ein Charisma, welche Schritte machen wir gerade. Das möchte ich nicht alles wiederholen. Vielleicht noch einmal grundlegend: Ein Charisma ist eine Gnadengabe, die dem einzelnen Menschen von Gott geschenkt ist, damit er oder sie es einsetzt für andere und so mitbaut am Reich Gottes. Mein Charisma kann ich nicht selbst bestimmen, meist wird es von meinen Mitmenschen erkannt. Manche Charismen wirken unentdeckt, dann, wenn sie in die Welt hineinwirken wie ein stilles Gebet. Jeder Mensch ist von Gott beschenkt und darum ist es wichtig, Strukturen, Orte, Freiräume zu schaffen, wo jedes Charisma sich entfalten kann.

Unsere Sachkommission sieht die Zukunft in einer charismenorientierten Kirche. Nicht mehr die Frage "Was muss erledigt werden und wer macht’s?" steht dann in Vordergrund, sondern "Wer kann was? Und wie und wo kann er oder sie es einbringen?". Diese geänderte Frage- oder Blickrichtung wird gefördert durch eine gelebte Kultur der Offenheit. Und darauf möchte ich etwas näher eingehen.

In unserer Kirche, in unseren Verbänden wirken wir nach außen zu oft als geschlossene Gesellschaft. Wir sprechen zwar Einladungen aus: "Interessierte sind herzlich willkommen!" Aber das ist nicht spürbar. Häufig hören wir: "Ihr seid da ein so eingeschworener Verein, ich will da lieber nicht stören." Sich aufraffen und in ein fremdes Haus gehen – und für nicht wenige ist auch das Pfarrheim oder die Kirche ein fremdes Haus, dorthin gehen, das fällt schwer, besonders nach einem langen Arbeitstag oder wenn das bequeme Sofa oder – jetzt im Frühjahr und im Sommer – der eigene Garten viel einladender sind.

In der eben gehörten Lesung gibt Jesus uns ein ganz anderes Beispiel:
Sein Blick fällt nicht bloß auf die erste Reihe der am Straßenrand stehenden Menschen. Sein Blick geht weiter, er sieht auch den kleinen und von den anderen ungeliebten Zachäus da oben in seinem Baum hocken. Und dann macht Jesus einen überraschenden Schritt auf ihn zu. Er sagt nicht: "Ach Zachäus, schön, dass ich dich sehe. Komm doch mal vorbei, wir treffen uns immer um acht am Brunnen." – Nein, Jesus sagt: "Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein." (Lk 19,5) Ich muss, nicht: ich würde gerne – im griechischen Urtext wie in den Übersetzungen steht es so: Ich muss zu dir kommen. Heute!

Jesus geht mit einer Offenheit auf die Menschen zu, die an die Grenzen geht. Die Umstehenden empören sich: Wie kann er zu einem Zöllner gehen? Doch Zachäus, dieser Zöllner, kann sich durch diese Begegnung mit Jesus ändern, kann zu dem werden, der er wirklich ist: zu einem Menschen, der gesehen wird, der ernst genommen wird, um seiner selbst willen geliebt. Jetzt kann er wieder gut machen, was er zuvor falsch gemacht hat: zurückgeben, was er zuviel genommen hat, und seinen Reichtum teilen mit den Armen. Jetzt kann er teilnehmen an der Gemeinschaft und sich mit seinem Charisma einbringen.

Eine Kultur der Offenheit ist getragen von einer Haltung der offenen Arme. Wenn ich zu meinen Neffen gehe und mich runterbeuge – mich also auf Augenhöhe begebe – und die Arme weit öffne, passiert immer das Gleiche: Die Jungs kommen angerannt und werfen sich in meine Arme. Offene Arme sind einladend, mehr als ein ausgeprochenes oder geschriebenes Wort es je sein kann. Offene Arme schaffen Vertrauen, sie schaffen Barrieren ab, ich öffne mich. Ich möchte Sie einladen, jetzt hier die Arme zu öffnen.

Was jetzt passiert ist Begegnung und Vernetzung. Wir stoßen an den Nachbarn an, kommen in direkten Kontakt. Aber wir spüren auch, wenn wir länger so stehen oder sitzen, werden die Arme schwer. Diese Haltung ist nicht immer einfach. Es fällt z. B. schwerer, die Arme zu öffnen für Menschen, die wir nicht auf Anhieb mögen. Und wir bieten mit dieser offenen Haltung ja auch Angriffsfläche für andere und machen uns verletzlich. Jesus hat genau das getan, er hat die Arme weit geöffnet für die Begegnung mit den Menschen, mit uns Menschen. Er hat sich verletzlich gemacht bis ans Kreuz. Und wenn Thomas seine Finger in Jesu Wunden legt, dann wird diese Verletzlichkeit zum Erkennungszeichen. (Joh 20,27) Es ist eine große Herausforderung für uns, die in der Nachfolge Jesu liegt: aktiv und mit einladender Haltung die Begegnung mit Menschen suchen: sie sehen, sie ernst nehmen, indem wir in ihre Welt gehen. So wie Jesus in die Welt, in das Zuhause des Zöllners Zachäus gegangen ist, trotz aller Empörung der Umstehenden. "... ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein." (Lk 19,5)

Eine Kultur der Offenheit braucht offene, einladende Arme, offene Augen, offene Sinne und offene Herzen. Im weiteren Verlauf der Synode und darüber hinaus werden wir, nicht nur die Synodalen, sondern wir alle in den Gemeinden und Verbänden unseres Bistums darum ringen und das üben: die Argumente der anderen bedenken, uns einlassen auf neue Ideen, neue Wege, und vielleicht auch auf ganz neue Strukturen und auf ein ganz neues Handeln im miteinander Kirche sein.

Ich habe ein Bild mitgebracht aus der Seitenkapelle der Marienburg an der Mosel. Dort hängt der Korpus Jesu und anstelle der Arme ist ein Schriftzug: "Ich habe keine Hände als eure". Das ist unsere Sendung, sein Auftrag an uns: Tut ihr, was notwendig ist zum Aufbau des Reiches Gottes. Tut ihr, wie ich es euch vorgelebt habe. Geht hinaus zu den Menschen, setzt eure Talente und Fähigkeiten ein für die Gemeinschaft, auf dass diese Talente zu Charismen wachsen und wirken. Bringt die Frohe Botschaft und verändert die Welt!

Der Satz "Das war schon immer so" ist dem Aufbau des Reiches Gottes nicht dienlich, er ist dem Leben nicht dienlich. Leben ist Veränderung, Wachstum. Das sehen wir an unserem eigenen Leben von der Geburt bis jetzt und noch weiter, das sehen wir auch in der Natur. Das Leitwort der Misereor-Fastenaktion 2015 ist: "Neu denken! Veränderung wagen."

Und das können wir ganz zuversichtlich wagen. Wir haben alles, was wir dazu brauchen:
Denn einer – Jesus – geht mit uns, wie er verheißen hat: "Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt." (Mt 28,20) Wir sind nicht allein, niemals!
Und wir sind gerüstet und beschenkt von Gott: Entdecken wir die Vielfalt unserer Charismen, wertschätzen und fördern wir sie, damit sie reiche Frucht bringen!
Dann ist schon heute "diesem Haus das Heil geschenkt worden." (Lk 19,9)

Sonntag, 15. März 2015

Lernerfolg


Erkläre einem 6-Jährigen Sonnen- und Mondfinsternis, während alle nach dem Kaffee gemütlich auf dem Sofa sitzen: Mit Spielsteinchen, das sich vor Spielsteinchen und im zweiten Versuch vor eine Taschenlampe schiebt, war die Sache mit den Lichtkranz von selbst klar. Aber wer schiebt sich wann in wessen Schatten? - "So, ich bin die Sonne, der Opa ist die Erde und du bist der Mond. Jetzt lauf um den Opa! Stop! Jetzt stehst du zwischen Sonne und Erde und von der Erde kann man die Sonne nicht mehr sehen. - Lauf weiter, stop! Und jetzt ist der Opa, also die Erde, zwischen Sonne und Mond ..." Da erhellt sich das kleine Gesicht: "Ahhh! Jetzt versteh ich! Jetzt hab ich wieder was Neues gelernt."




Schön zu sehen, wie aus der Finsternis ein Licht aufgeht.

Mittwoch, 4. März 2015

Staunen atmen


Geschrieben für eine Frühschicht in der Fastenzeit:


Den Atem anhalten – so ist die heutige Frühschicht überschrieben. Den Atem halten wir ganz bewusst an, wenn wir besonders leise sein, uns verstecken und nicht auffallen wollen. Und es gibt Situationen, wo uns der Atem plötzlich wegbleibt:
Wenn die Angst uns die Kehle zuschnürt, wenn wir etwas Bedrohliches erleben. Oder auch wenn wir etwas atemberaubend Schönes sehen, wenn uns das Staunen überrascht. In beiden Situationen – der der Angst und der des Staunens – werden wir uns unseres Lebens in besonderer Weise bewusst. Und in beiden Situationen stockt uns der Atem für einen Moment, um dann ganz von selbst wiederzukommen. Atmen geht automatisch, wir müssen nichts dazu tun. Der Atem, der Lebensatem ist uns von Gott geschenkt.
Er blies dem Menschen den Atem ein und machte ihn zu einem lebendigen Wesen. In einer textnahen Bibelübersetzung heißt es: "So wurde der Mensch eine lebende Seele."(1)

Den Atem anhalten – heißt für uns in der Fastenzeit innehalten, das Leben für einen Augenblick anhalten, den Moment genießen, auskosten. Für kurze Zeit wird der Alltag, die Hektik, die Welt ausgeblendet. Wir sind ganz im Hier und Jetzt. Nichts lenkt uns ab von dem, was uns staunen lässt. Etwas, das uns plötzlich überfällt mit seiner Schönheit, seiner Eigenheit, ganz unerwartet und geschenkt: vielleicht ein leuchtend roter Sonnenaufgang, das erste Grün an kahlen Bäumen, ein Lichtstrahl durch buntes Glas, der eine besondere Atmosphäre zaubert. Vielleicht eine sanfte Berührung, das Zwitschern der Vögel am frühen Morgen, ein Lächeln, ein Kind, das mit offenen Armen und vertrauensvoll auf uns zu läuft. Der besondere Moment, in dem Leben geboren wird oder vergeht, wenn Versöhnung wieder möglich ist, wenn Heilung gelingt.

Den Atem anhalten – heißt auch, wieder zu Atem zu kommen, im hektischen Tagesablauf einmal zur Ruhe finden. Bewusst Stopp sagen, Pause machen, um sich zu konzentrieren auf das Wesentliche, das Wichtige. So können wir uns neu sortieren, neue Energie tanken, Kraft schöpfen, von der Quelle des Lebens trinken.
Im Staunen öffnen wir uns neu für das Leben, das Herz wird weit, der Kopf wird leer und macht der Seele Platz zum Tanzen.

Vielleicht gelingt es uns in der Zeit bis Ostern besonders, unserem Lebensatem zu folgen, das Staunen neu zu lernen. Goethes Faust hat eine tiefe Sehnsucht danach und geht dafür sogar einen Pakt mit dem Teufel ein: „Werd ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! Du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen …“
Am Ende aber hat er auf den Falschen gesetzt. Denn Leben und Staunen, Atem und Seele sind uns von Gott geschenkt ohne Gegenleistung, einfach so aus Liebe zu Seiner Schöpfung.


(1) Gen 2,7 Elberfelder Bibel

Donnerstag, 1. Januar 2015

Fabula rasa





















"Du weißt nicht, was ich male.""Ein Seepferdchen?""Nein. Das ist ein Hai. Hier das ist die Flosse", mein 4-jähriger Neffe zeigt erst auf die linke Seite seiner Zeichnung, dann auf die rechte, "und das ist das Maul und der Bauch. Und unten hat er noch eine Flosse. Drei Flossen. Und der Strich ist das Gehirn." Er nickt ernsthaft. "Haie sind gefährliche Fische.""Ja, das sind Raubfische."

Diese kleine Szene hat sich am ersten Weihnachtstag abgespielt. Seitdem denke ich darüber nach. Über die Raubfische, die mich in den vergangenen Monaten umkreist haben: Gewohnheiten und Befindlichkeiten, Stimmungen und Gefühle, die – wenn sie übermächtig werden – gefährlich sind.

In einer Ansprache an die Mitarbeiter der Kurie hat Papst Franziskus kurz vor den Feiertagen fünfzehn Krankheiten benannt, die er nicht nur für die Kurie, sondern für die ganze Kirche beschreibt. Da, wo Menschen miteinander leben, arbeiten, zu tun haben, da lassen sich die vom Papst aufgezählten Krankheiten wie Narzissmus, Halsstarrigkeit, Eitelkeit und Arroganz ausmachen.

Ich nehme das Bild dieses Hais mit in das gerade begonnene Jahr als Mahnung für einen wachsamen Umgang mit meinen Adebars, Hennings, Gieremunds und Boldewyns 2015.

Freitag, 31. Oktober 2014

Übergang


Es ist die Nacht von Oktober auf November, der Weinmond wechselt zum Nebelmond. Für die Kelten ging nicht nur der Sommer, sondern auch das Jahr zu Ende. Sie dachten an die Seelen ihrer Vorfahren und glaubten an die Rückkehr der Geister in dieser einen Nacht. Und sie zu beschwichtigen, wurden Leckereien gesammelt und dargebracht.

Seit einigen Jahren schwappt dieser Brauch, zwischenzeitlich ausgewandert und amerikanisiert, über den Atlantik nach Europa zurück und erfreut sich – wie vieles, was "Uncle Sam" vormacht – immer größerer Begeisterung: Zu Halloween bevölkern Hexen, Vampire, Zombies und Gruselfans die Straßen mit immer skurrileren Auswüchsen, sodass die Polizei erhöhte Einsätze fährt, um der modernen Untoten Herr zu werden.




Die Untoten findet man im Duden zwischen untilgbar und untragbar. 
Mir kommt in den Sinn: Was er nicht weiter ertragen konnte oder wollte, formulierte Luther in 95 Thesen und Fragen und sandte sie Ende Oktober 1517 an seinen Kirchenfürsten. Daran erinnert die evangelische Kirche am Reformationstag. Und in der Erinnerung untilgbar bewahrt werden die Geschichten und Legenden vom Leben der Heiligen und Verstorbenen, an die in der katholischen Kirche an Allerheiligen und Allerseelen gedacht wird.

Die Feste ballen sich in diesen Tagen des Übergangs zwischen zehntem und elftem Monat, zwischen Tradition und Erneuerung und zwischen Tod und Leben. Mit lautem Gehabe übertönt das inzwischen so kommerzielle Halloween die Stille der beiden kirchlichen Feiertage.

Ich spüre, dass ich diesem neuen Trend nichts abgewinnen kann. Ich brauche weder Zuckerschock noch pseudolustige Streiche, noch eine weitere Kostümparty, um dort die Alltagshektik in Vergessenheit zu ertränken. Nicht lauter, schriller, schauerlicher! Ich möchte leise werden, nachdenklich und herausfinden, was ich zurücklassen und was ich mitnehmen will in die nächste Zeit.

Donnerstag, 31. Juli 2014

Dreimal durchgespielt


In zehn Schritten von Krieg zu Frieden:

     Kriegsangst
          Angstschweiß
               Schweißperlen
                    Perlenketten
                         Kettenbrief
                              Briefkarten
                                   Kartenspieler
                                        Spielernatur
                                             Naturreligion
                                                  Religionsfrieden

                                                  Kriegsgebiet
                                             Gebietsreform
                                        Reformhaus
                                   Hausrat
                              Ratssitzung
                         Sitzungskultur
                    Kulturgenuss
               Genussmenschen
          Menschenseelen
     Seelenfrieden

     Kriegswaffen
          Waffengewalt
               Gewaltherrschaft
                    Herrschaftszeiten
                         Zeitenwende
                              Wendekreis
                                   Kreislauf
                                        Laufgeschäft
                                             Geschäftswelt
                                                  Weltfrieden

Was, wenn es tatsächlich so einfach wäre wie dieses Wortspiel?

Samstag, 7. Juni 2014

Ein Tag im Dom



Lange war ich nicht mehr im Kölner Dom. Für diesen Besuch habe ich mir eine Spiegelreflexkamera geliehen (Vielen Dank!) und dann versucht, das Licht- und Farbenspiel von Sonne und Glasmalereien einzufangen.









 

Ein wunderbarer Tag! Das ruft nach Wiederholung, dann am liebsten mit einer eigenen "guten" Kamera.

Freitag, 16. Mai 2014

Redewendung


Heute Morgen begegnen mir zwei Schüler. Einer von ihnen, der etwas größere, lässt sich Zeit, mehr als dem anderen lieb ist. Denn bis zum Beginn der ersten Stunde sind es nur noch einige Minuten. Also treibt der kleinere den großen an: "Jetzt beeil dich mal! Pünktlichkeit ist das A und O.“ Er hält inne und die Fragezeichen sind ihm ins Gesicht geschrieben. „Ich weiß nicht, was A und O ist." 
Doch dann findet er eine Lösung: "Pünktlichkeit ist das A und B."

Samstag, 29. März 2014

Täglich Plus


Im Advent hat mich ein Heft mit Tagesimpulsen begleitet. Jetzt in der Fastenzeit begleitet mich ein leeres Heft, dass ich jeden Tag fülle mit Gedanken, Bildern, Ideen, Beobachtungen, Fragen, Begegnungen – zum Beispiel:

6. März

Die Mittagssonne hat jetzt schon ganz schon Kraft und so sitzen die Menschen in der Pause draußen und strecken ihre Gesichter der Sonne entgegen.

Herzenswärme auftanken – Kraftstoff für die Seele.
 















10. März

"Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne ..." schallt es heute Morgen durch die Bahn. Ein kleines Mädchen begrüßt den Tag, fröhlich, gut gelaunt und sehr zufrieden.

Momente des Glücks sind ansteckend.

13. März

"Eine abwechslungsreiche und ausgewogene Ernährung sowie eine gesunde Lebensweise sind bedeutsam." – So steht es auf der Packung Kräuterbonbons.

21. März

Zum "World Down Syndrome Day" postet jemand ein Video. In Trier tanzen "HAPPY" people durch die Straßen.

Lebensfreude!

29. März

Musik erfüllt am Abend den Kirchenraum. Grenzenlos! Himmlisch! Genuss und Freude für Ohren, die hören ...

Dienstag, 18. März 2014

Exodus drei


Gedanken zu Exodus 3, 1-15 geschrieben für eine Frühschicht in der Fastenzeit:


"Verwurzelt in Gott und mitten im Leben" – dies ist ein Satz aus dem Leitbild des Kolpingwerks. Und er lässt sich auch auf die Geschichte aus dem Buch Exodus beziehen. Dort offenbart Gott seinem Volk seinen Namen: "Ich bin der «Ich-bin-da»." Gott ist da, Gott ist schon immer da und Er wird immer da sein. Darauf können wir uns verlassen in jeder Lebenssituation. Es ist tröstlich und gibt neue Zuversicht, wenn Eltern ihr weinendes Kind in den Arm nehmen und versprechen: "Ich bin ja da." So verspricht es auch Gott.
Den Israeliten geht es nach Generationen fern der Heimat in Ägypten nicht gut, sie leiden. Und Gott, der bei Seinem Volk ist, hört die Klagen, sieht die Not. Und Er sendet Mose zu Seinem Volk, damit er es aus der leidvollen Situation herausführt. Gott sucht die Gemeinschaft mit Seinem Volk – Er, der Gott der Väter und aller nachfolgenden Generationen – Er, der da ist. Und darum kann auch das Volk auf diese Gemeinschaft bauen und in der Nähe zu seinem Gott Schutz, Geborgenheit und Rettung finden.

In Jesus bekräftigt Gott diese liebende Gemeinschaft mit den Menschen, denn in Jesus wird Gott selbst Mensch. Er will ganz zu den Menschen gehören und die Menschen sollen ganz zu Ihm gehören. Diese Gemeinschaft zwischen Gott und Menschen trägt sich weiter in eine Gemeinschaft der Menschen untereinander. Das ist der Auftrag an uns: Wir sind verantwortlich füreinander. Wir leben nicht auf einer einsamen Insel. Wir gehören zu unserer Familie, unseren Freunden, sind Teil unserer Gesellschaft. Wenn es einem Teil der Gemeinschaft schlecht geht, dann stehen andere ihm bei. Wie wir Unterstützung und Liebe erfahren, so sollen auch wir für andere da sein – "verwurzelt in Gott und mitten im Leben."

Jesus gibt uns Vorbild und Orientierung für das Leben miteinander: Er geht auf die Menschen zu, auf alle Menschen und nicht nur auf die Berühmten, die Beliebten, die Mächtigen. Er geht zu den Sündern, den Unterdrückten, den Menschen am Rand der Gesellschaft. Er nimmt sie auf in seine Gemeinschaft, er ist für die da, für die sonst niemand da ist. Und so sollen auch wir handeln. Denen alles geben, die um uns sind und die wir lieben, ist selbstverständlich. Aber unsere Verantwortung geht weiter. Unser Engagement soll auch denen gelten, die uns fremd sind, die weit weg sind, aber dennoch unsere Solidarität und Fürsorge brauchen. Im Reich Gottes ist der unser Nächster, dem wir begegnen, dessen Klagen wir hören und dessen Not wir sehen.

Und Gott, der «Ich-bin-da», ist mit denen, die klagen und in Not sind, und Er ist mit denen, die hören und sehen und handeln. Denn Gott ist der Gott der Liebe und Liebe braucht Gemeinschaft.

Mittwoch, 25. Dezember 2013

Unterwegsbahnhöfe




"Dieser Zug hält nicht an allen Unterwegsbahnhöfen." - Diese Ansage hört man mitunter in Express- und Schnellzügen. Abgesehen von der Frage, was einen Bahnhof als Unterwegsbahnhof auszeichnet, überlege ich: Hat diese Ansage etwas mit Weihnachten zu tun? Und wenn ja, was?

Gott macht es anders: Er wird Mensch, doch Er steigt nicht irgendwann und irgendwo ein, sondern startet ganz am Anfang als Baby geboren von Maria. Er will alle Stationen des Lebens mit uns gehen von der Geburt bis zum Tod, von der Krippe bis zum Kreuz und darüber hinaus. Er will überall mit uns unterwegs sein, uns begleiten von Station zu Station, an jedem Bahnhof mit uns Halt machen. 

In unserer schnelllebigen Zeit mit Hochgeschwindigkeitszügen und Schnellfahrstrecken finden wir bei Gott Entschleunigung. Ich bin sicher: Gott fährt am liebsten im Bummelzug, einem, der redensartlich an jeder Milchkanne hält. Und mit aufmerksamem Herzen nimmt Er Anteil an allem, was wir unterwegs erleben.