Geschrieben für eine Frühschicht in der Fastenzeit:
Den Atem anhalten – so ist
die heutige Frühschicht überschrieben. Den Atem halten wir ganz bewusst an,
wenn wir besonders leise sein, uns verstecken und nicht auffallen wollen. Aber
es gibt auch andere Situationen, wo uns der Atem wegbleibt:
Wenn uns der Atem stockt vor
Angst, wenn wir etwas Bedrohliches erleben. Aber auch wenn wir etwas
atemberaubend Schönes sehen, wenn uns das Staunen überrascht. In beiden Situationen – der der
Angst und der des Staunens – werden wir uns unseres Lebens in besonderer Weise
bewusst. Und in beiden Situationen stockt uns der Atem für einen Moment, um
dann ganz von selbst wiederzukommen. Atmen geht automatisch, wir müssen nichts
dazu tun. Der Atem, der Lebensatem ist uns von Gott geschenkt.
Er blies dem Menschen den
Atem ein und machte ihn zu einem lebendigen Wesen. In einer textnahen
Bibelübersetzung heißt es: "So wurde der Mensch eine lebende Seele."(1)
Den Atem anhalten – heißt
für uns in der Fastenzeit innehalten, das Leben für einen Augenblick anhalten,
den Moment genießen, auskosten. Für kurze Zeit wird der Alltag, die Hektik, die
Welt ausgeblendet. Wir sind ganz im Hier und Jetzt. Nichts lenkt uns ab von
dem, was uns staunen lässt. Etwas, das uns plötzlich überfällt mit seiner
Schönheit, seiner Eigenheit, ganz unerwartet und geschenkt: vielleicht ein
leuchtend roter Sonnenaufgang, das erste Grün an kahlen Bäumen, ein Lichtstrahl
durch buntes Glas, der eine besondere Atmosphäre zaubert. Vielleicht eine
sanfte Berührung, das Zwitschern der Vögel am frühen Morgen, ein Lächeln, ein
Kind, das mit offenen Armen und vertrauensvoll auf uns zu läuft. Der besondere
Moment, in dem Leben geboren wird oder vergeht, wenn Versöhnung wieder möglich
ist, wenn Heilung gelingt.
Den Atem anhalten – heißt
auch, wieder zu Atem zu kommen, im hektischen Tagesablauf einmal zur Ruhe
finden. Bewusst Stopp sagen, Pause machen, um sich zu konzentrieren auf das
Wesentliche, das Wichtige. So können wir uns neu sortieren, neue Energie
tanken, Kraft schöpfen, von der Quelle des Lebens trinken.
Im Staunen öffnen wir uns
neu für das Leben, das Herz wird weit, der Kopf wird leer und macht der Seele
Platz zum Tanzen.
Vielleicht gelingt es uns in
der Zeit bis Ostern besonders, unserem Lebensatem zu folgen, das Staunen neu zu
lernen. Goethes Faust hat eine tiefe Sehnsucht danach und geht dafür sogar
einen Pakt mit dem Teufel ein: „Werd ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch!
Du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen …“
Am Ende aber hat er auf den
Falschen gesetzt. Denn Leben und Staunen, Atem und Seele sind uns von Gott
geschenkt ohne Gegenleistung, einfach so aus Liebe zu Seiner Schöpfung.
(1) Gen 2,7 Elberfelder Bibel