Dienstag, 24. Oktober 2017

HaGalil


Morgenimpuls in Galiäa während einer geistlichen Reise im Heiligen Land




Es ist der zweite Morgen, an dem wir in Galiäa am See Genezareth aufgewacht sind. Heute werden wir weitere Orte besuchen und auf den See hinausfahren.

Hier in Galiläa begann Jesus, das Reich Gottes zu verkünden. Hier fand er seine ersten Jünger und Anhänger. Hier lehrte und predigte er, heilte er und bewirkte Wunder. Scharen von Menschen kamen zu ihm aus allen Landstrichen in und um Galiläa. Wir haben die Berichte aus den Evangelien gehört oder gelesen.

Hier rührte Jesus die Menschen an – damals vor 2000 Jahren.

Fragen wir uns:

      Wie lasse ich mich heute anrühren von Jesus?
      Bin ich bereit, mich ansprechen zu lassen von ihm?
      Bin ich bereit, mein Leben von ihm umkrempeln zu lassen,
      alles aufzugeben – so wie die Jünger damals?

      Mit welchem Anliegen komme ich heute zu ihm?
      Worum bitte ich ihn?
      Um Stärkung? Um Klärung?
      Um Ruhe? Um Heilung?
      Für mich selbst? Für einen anderen?

      Wie wirkt Jesus heute in mein Leben hinein?
      Und wie durch mich in die Welt hinaus?

Das Matthäusevangelium endet in Galiläa. Hier erscheint der Auferstandene seinen Jüngern und gibt ihnen Auftrag und Verheißung.

"Da trat Jesus auf sie zu und sagte zu ihnen: Mir ist alle Vollmacht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.

Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt." (Mt 28, 18-20)

Wie damals zugesagt, ist Er auch heute all unsere Tage mit uns.

Mit beidem – Auftrag und Verheißung – wollen wir in den heutigen Tag gehen. Beten wir gemeinsam das Segensgebet aus dem Gotteslob* Nummer 13, 3.
Und singen wir "Meine Hoffnung und meine Freude" aus dem Gotteslob* Nummer 365. Wie wunderbar, dass gerade dieses Lied diese Nummer bekommen hat, 365! Alle Tage eines Jahres, jedes Jahres ist Er uns Hoffnung, Freude, Stärke, Licht und Zuversicht.








* Gotteslob © 2013 Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart

Sonntag, 22. Oktober 2017

Doppeltes Elfchen



I.
Einzelzellen.
Mauern aus
Selbstsucht, Wut, Angst.
Zwei bauen eine Brücke.
Begegnung!

II.
Muster
unterbrechen und
neue Perspektiven gewinnen.
Mit einer Vierteldrehung zur
Lebendigkeit.

Donnerstag, 18. Mai 2017

heraus gerufen - Schritte in die Zukunft wagen


Gedanken zum Titel des Abschlussdokuments der Synode im Bistum Trier (2013-16)


heraus gerufen

Wir sind aufgefordert, zu den Menschen zu gehen,
eingefahrene Wege zu verlassen,
die rein binnenkirchliche Sicht zu überwinden.
Wir sind eingeladen, neue Perspektiven und Standorte auszuprobieren,
uns nicht zu verkriechen, nicht zu verschließen.
Es ist Ausdruck für die Sendung der Jüngerinnen und Jünger Jesu an Pfingsten.

gerufen

In diesem Sendungsauftrag sind wir von Gott Gerufene.
Als solche sollen wir uns auch von der Welt, von den Menschen rufen lassen.
Das können wir, wenn wir (zu)hören, aufmerksam sind
und dann zu Tätigen werden, zu Zeuginnen und Zeugen unseres Glaubens.

Schritte in die Zukunft wagen

Zunächst: Es gibt eine Zukunft! Das ist ganz explizit formuliert.
Wir glauben daran, wir hoffen darauf.
Denn der Glaube an die Auferstehung ist ein Glaube an eine Zukunft.
Wir leben nicht in einer Zeit des Welt- oder Kirchenuntergangs,
wohl aber in einer Zeit des Wandels,
was für alle Zeiten vor und nach uns galt, gilt und gelten wird.
Wandel, Wandlung ist Herzstück unseres Glaubens.
In diesem Glauben können wir die Herausforderung Zukunft annehmen.

Schritte wagen

Wir müssen uns bewegen, Aussitzen wird nicht funktionieren.
Oder: Wir müssen Stillstand nicht erleiden, wir dürfen uns bewegen.
Ein Wagnis, ja! Doch nur Mut – es wird gut!
Denn wir gehen nicht allein und nicht mit leerem Rucksack,
wir haben einen Schatz im Gepäck:
das Evangelium Jesu Christi mit der Verheißung vom Leben in Fülle.

Donnerstag, 22. Dezember 2016

Brief einer Pendlerin


Liebe Bahn,

ich bin sehr beeindruckt vom Einfallsreichtum und den immer neuen Aktionen, mit denen wir Kunden unterhalten werden. Heute durfte ich Teil eines Abenteuers werden, das zu erleben mir bislang versagt war:

Auf dem Heimweg nach einem kurzen Aufenthalt an einem der Unterwegsbahnhöfe, an dem unser Zug freundlicherweise einem anderen den Vortritt ließ - wären doch nur alle so rücksichtsvoll, die Welt könnte so viel besser sein - setzte der Zug seine Fahrt fort, zog ein bisschen das Tempo an, um die leichte, altruistisch bedingte Verzögerung aufzuholen, und - verfehlte die nächste Haltestation nur ganz knapp, bremste abrupt, aber mit ganzer Kraft und kam endlich nur einige Dutzend Meter hinter dem Bahnhof zum Stehen. Puh! Da standen wir nun. Die Mitreisenden, die eigentlich aussteigen wollten und sich schon an der Tür positioniert hatten, waren hin und her gerissen, ob sie sich dem Abenteuer tatsächlich an dieser Stelle entziehen sollten. Für einige war die Verlockung zu groß und sie nahmen wieder Platz, gespannt, was noch kommen sollte. Nach langem Warten kam ein Knacken aus den Lautsprechern, eine Stimme meldete sich mit einer Durchsage - einer dieser seltenen beglückenden Momente! "Wegen einer technischen Störung verzögert sich die Fahrt auf ... es geht bald weiter." Beruhigt lehnte ich mich zurück und zog ein paar Arbeitsblätter aus der Tasche, immer gerüstet für alle Fälle. Nach einer weiteren Weile und einem kurzen Knacken im Lautsprecher begannen die ersten Reisenden mit der Kontaktaufnahme zur Außenwelt, informierten Familie und Freunde über Aufenthaltsort, Stand der Dinge und erhoffte Ankunftszeit. Da plötzlich! Was keiner zu diesem Zeitpunkt zu glauben gewagt hatte: Der Zug setzte sich in Bewegung, behutsam und langsam tastete er sich durch die dunkle Nacht - Meter um Meter - zurück an den verpassten Bahnhof. Schweren Herzens trennte sich hier ein Teil der Reisenden und verließ den Zug, der nach weiterer Pause und rücksichtsvollem Vorbeilassen eiliger Züge mutig seinen Weg in die ursprüngliche Richtung fortsetzte, um dann aber doch wegen "technischer Störung - wir bitten, dies zu entschuldigen" vorzeitig zwei Stationen vor dem Ziel aufgeben und enden zu müssen. Ich war zuhause und beneidete die Weiterreisenden, die es in neue, ferne Bahnabenteuer zog, fast ein bisschen.

Liebe Bahn, vielen Dank für diese adventliche Erfahrung des Wartens. Jetzt kann Weihnachten kommen!

Mittwoch, 27. April 2016

Baustelle Kirche


Vortrag mit Diskussion zur Synode im Bistum Trier 2013-16: 
Vor dem Abschluss Stimmungen, Chancen und Herausforderungen



Franziskus, Sohn eines reichen Tuchhändlers aus Assisi, ein junger Lebemann, zog vom ruhmvollen Rittertum träumend in den Krieg gegen Perugia. Was er im Kampf und der anschließenden Gefangenschaft erlebt hat, hat ihn in eine schwere Sinn- und Lebenskrise gestürzt. Seelisch tief erschüttert zog er um 1206 durch das Umland seiner Heimatstadt und kam zur kleinen Kirche San Damiano. Es zog ihn in dieses halb verfallene Haus und er betete dort vor dem Kreuz. An diesem Ort, in dieser Lebenssituation hörte Franziskus eine Stimme, die ihm sagte: ʺGeh hin und stell mein Haus wieder her!ʺ Und er begann, Steine zu sammeln und Mauern und Dach zu sanieren. Erst später begriff Franziskus, dass der Auftrag Christi an ihn, nicht diese kleine verfallene Kirche vor den Toren Assisis umfasste, sondern die Kirche als Lebens- und Glaubensgemeinschaft der Christen, die sich damals in einer Krise befand.

Wie zur Zeit des heiligen Franz ist das Wort von der ʺKirche in der Kriseʺ auch jetzt seit Jahren in aller Munde. Es ist wohl kein Zufall, dass unter dem Papst, der sich nach dem Heiligen aus Assisi benannt hat, sowohl die Familiensynode in Rom stattgefunden hat, als auch der Bischof von Trier sich für die Zukunft seiner Ortskirche Rat im Rahmen einer Synode sucht.

Das Bild der Haussanierung scheint ein ganz gutes, um zu veranschaulichen, wie die Bistumssynode die Kirche von Trier für die Zukunft aufstellen will – sozusagen sanieren, also im ursprünglichen Wortsinn gesund machen, heilen will. Folgende Parallelen lassen sich zwischen der Sanierung eines alten Hauses und der Erneuerung der Kirche ziehen:

Es muss erkennbar bleiben, was es war und ist.
Wie aus einem Fachwerkbauernhaus kein Betonturm werden sollte, muss die Kirche als Gemeinschaft von Christinnen und Christen, als Kirche Jesu Christi erkennbar bleiben.

Es gibt Grundsätze und Regeln, 
die grundlegend gelten und geltend bleiben.
Für die Haussanierung sind Bauvorschriften, Denkmalschutzbestimmungen oder Statikregeln maßgeblich. Die Kirche baut auf das Evangelium Jesu Christi und ihre Lehre, das Glaubensbekenntnis, die biblischen Schriften und rechtliche Normen.

Ressourcen werden benötigt.
Eine Haussanierung geht nicht ohne Baumaterialien wie Originalhölzer oder Natursteine, nicht ohne besondere Handwerkstechniken, Werkzeuge, Geräte und natürlich Geldmittel. Die Kirche wird erst lebendig mit den Menschen und ihrem Glauben, ihrer Frömmigkeit und ihren Charismen. Dazu sind Strukturen nötig, die es allen ermöglichen, sich beim Aufbau des Reiches Gottes einzubringen.

Vergangenheit muss mit der Gegenwart verknüpft werden, 
um Zukunft zu ermöglichen.
Damit sie erhalten und weiterhin genutzt werden können, baut man in alte Häuser heute fortschrittliche Haustechnik ein wie Elektrik, Heizung oder ein modernes Bad. Und die Kirche tut gut daran, die Zeichen der Zeit, die gegenwärtigen Lebenssituationen und -bezüge der Menschen zu erkennen, zu verstehen und einzubeziehen, wenn sie die Menschen noch erreichen will.

Wir können und oft wollen wir heute nicht mehr so leben, wie noch vor hundert oder zweihundert Jahren. Die Welt hat sich rasant verändert durch Erfindungen, technische und wissenschaftliche Errungenschaften. Um Zukunft zu haben und nicht in der Vergangenheit stehen zu bleiben, müssen wir darauf reagieren und in vielen Bereichen tun wir das ganz selbstverständlich, zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt: Viele ziehen für eine Arbeitsstelle um oder stimmen flexiblen Arbeitszeiten zu.

Was die Modernisierung in der Kirche so schwierig macht, sind Emotionen: Glaube hat zutiefst mit unseren Gefühlen, mit Beheimatung, mit Herz und Seele zu tun. Vertrautes aufgeben, Gewohntes verabschieden bereitet Angst, zumindest Sorge. Neuland betreten ist mit Risiko verbunden. Aber Leben bedeutet nicht nur physisch Wachstum und Veränderung, Verweigerung führt nur zu oft zu Stillstand, gar zum Tod. Wenn wir lebendige Kirche sein und bleiben wollen, müssen wir uns weiterentwickeln, als Einzelne und als Gemeinschaft. Das Schöne ist: Eigentlich müssen wir keine Angst haben, denn eines bleibt: Jesus Christus und seine Botschaft. Im Glauben machen wir uns fest in Gott. In Gott sind wir getragen. Das gibt Halt und Kraft, mutig Veränderung zu wagen.

Genau das sind die Stimmungen, die in der Synode spürbar sind: Angst, Sorge, Mut, Zuversicht und Hoffnung auf Einen, der größer ist, als wir denken können.

Einmal sagt Jesus, dass nicht ein Jota, nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen wird (Mt 5,18). Aber Jesus stellt Mensch und Gesetz neu in Relation zueinander, wenn seine Jünger Ähren abreißen am Sabbat oder er am Sabbat Menschen heilt (Mt 12):
Erst der Mensch, dann das Gesetz – nicht umgekehrt!
Die Pharisäer, von denen die Gleichnisse berichten, haben sich an Gesetzen, an Strukturen und Gewohnheiten festgemacht – und das sicher Gott zur Ehre. Aber es sind Äußerlichkeiten, denen sie den Vorrang geben. Doch die für sich sind vergänglich und können kein Leben schaffen oder erhalten. Dazu sagt Jesus: Kehrt um! Macht euch am Ewigen fest, an der Liebe, an Beziehung, am Lebendigen.
Jesus lehrt uns einen existentiellen Perspektivwechsel: die Hinwendung zum Menschen, zum Nächsten als Fundament für das Reich Gottes.

In einem langen Prozess, in vielen Gesprächen und kontroversen Diskussionen haben die Synodalen – Priester und Laien, Männer und Frauen – in zehn Sachkommissionen über hundert Empfehlungen an den Bischof von Trier erarbeitet. Diese wurden zur sechsten Vollversammlung im vergangenen Dezember sortiert und kategorisiert. Dabei hat sich gezeigt, dass einige Empfehlungen Perspektivwechsel formulieren. Es werden Haltungen und eine neue Kirchenkultur empfohlen. Und viele Empfehlungen beinhalten konkrete und wichtige Maßnahmen und schließlich auch Instrumente, wie Erneuerung umgesetzt werden kann. Der Vorschlag zur Gliederung und Einordnung der Empfehlungen wurde diskutiert, an manchen Stellen geändert und abgestimmt. Im Dezember hat die Synode über vier Perspektivwechsel mit großer Zustimmung entschieden:

Vom Einzelnen her denken!
Wir schauen noch sehr mit dem binnenkirchlichen Blick, vom Standpunkt der Institution auf die Menschen, die uns begegnen. Der Perspektivwechsel formuliert eine Hinwendung zum Menschen, beschreibt eine Kirche, die vom Standpunkt des Einzelnen verstehen will, wie Menschen heute leben, denken und fühlen, wovon sie träumen und was sie brauchen. Von hier aus können wir als Kirche solidarisch handeln in der Nachfolge Jesu und seiner Botschaft.
Also: erst der Mensch, dann das Gesetz – oder die Institution.
Sich dem Einzelnen auf ganz neue Weise zuzuwenden, bedeutet nicht eine Hinkehr zum Individualismus oder eine Abkehr von der Gemeinschaft. Als Menschen sind wir angewiesen auf Gemeinschaft, Gemeinschaft mit Gott und untereinander. Und dafür brauchen wir jeden Einzelnen mit allen Stärken und Schwächen, mit all der Vielfalt an Lebenswirklichkeiten.

Charismen vor Aufgaben in den Blick nehmen!
Wir schauen sehr oft zuerst auf das, was getan werden muss, und suchen zuerst nur im inneren Kreis nach Menschen, die die Aufgaben übernehmen können, und versperren uns manches Mal die Sicht auf Menschen außerhalb des Kreises. Durch den Perspektivwechsel kann jeder Mensch mit den ihm von Gott geschenkten Gnadengaben, Charismen wahrgenommen, wertgeschätzt und eingebunden werden am Aufbau des Reiches Gottes.
Und wiederum: erst der Mensch, dann das Gesetz – sprich die Aufgaben.
Ausdrücklich ist nicht eine Kirche ohne Aufgaben gemeint, denn dann haben wir die Sendung Jesu Christi nicht verstanden. Wir haben Aufgaben als Kirche, als Christen und diese erfüllen wir am besten, wenn wir unseren Charismen Raum geben, sich zu entfalten. Sie sind ein Geschenk, eine Stärkung durch den Hl. Geist. Sie zu entdecken, zu fördern und einzubringen ist gleichsam ein Lobpreis Gottes.

Weite pastorale Räume einrichten und 
netzwerkartige Kooperationsformen verankern!
In der Vergangenheit bis heute ist unser Bistum gegliedert in viele kleine Pfarreinheiten, die schon in den letzten Jahrzehnten immer wieder zusammengelegt und vergrößert wurden. Pfarrei ist zunächst ein Verwaltungsbegriff aus dem Kirchenrecht und definiert eine bestimmte Gemeinschaft von Gläubigen. Das, was wir mit diesem Begriff darüber hinaus verbinden, ist ein vertrauter Bereich, wo wir im Glauben Beheimatung gefunden haben, wo Verbände und Gemeinschaft(en) an der Basis uns tragen und wo wir – wie man in dieser Gegend sagt – ʺGehöchnisʺ erleben. Wenn aufgrund des Perspektivwechsels nun diese Verwaltungseinheit Pfarrei zukünftig territorial erheblich erweitert werden soll, dann heißt das nicht, dass die vertraute Basis mit all ihren Aktivitäten wegbrechen wird. Sie wird nur anders gestaltet. Es ist gleichzeitig Herausforderung und Chance, dass wir alle dabei mitwirken können. Vor Ort eröffnen sich neue Gestaltungsfreiräume, in denen Christinnen und Christen Gemeinde neu oder in bereits bewährter Weise bilden und (be)leben. Viele können, sollen und dürfen ihre Charismen und Fähigkeiten einbringen. 
     
Im konkreten Handeln laufen die Perspektivwechsel zusammen. Wenden wir uns mit einer fragenden Offenheit statt mit einer fordernden Erwartungshaltung dem Einzelnen zu und lernen wir seine von Gott geschenkten Gaben zu sehen und zu schätzen. Mit Gottvertrauen und der Stärke des Hl. Geistes werden wir Mitarbeiter einer lebendige Kirche Jesu Christi finden.

Das synodale Prinzip soll zukünftig 
die Kirche im Bistum Trier auf allen Ebenen prägen.
Aus dem Bedürfnis, die positiven Erfahrungen der Synode auch künftig im Bistum Trier in einer neuen Qualität von Kommunikation und Entscheidungsfindung weiterzutragen und zu verankern, ergänzt das synodale Prinzip die Perspektivwechsel. Auf allen Ebenen sollen Haupt- und Ehrenamtliche, Laien und Priester im Diskurs miteinander regelmäßig den gegenwärtigen Zustand prüfen und Zukunftsvisionen beraten und entwickeln.

Eine Chance der beschlossenen Perspektivwechsel liegt in der Ermunterung, den gewohnten Trott zu unterbrechen, zu reflektieren, Menschen, Dinge und Situationen neu zu betrachten, Standpunkte zu verändern, neue Wege zu entdecken und auszuprobieren.
Eine große Herausforderung wird sein, Gewohntes und Liebgewonnenes, das von der Zeit überholt wurde und nicht mehr hilfreich oder not-wendig ist, wertschätzend und würdig zu verabschieden und loszulassen und mutig neue Schritte zu wagen.

Zur Verwirklichung der Perspektivwechsel ist es nötig, unsere Haltungen und die Kultur im Bistum anzusehen und zu erneuern. Das allerdings muss wachsen aus einer Überzeugung, einem offenen Herzen, offenen Ohren und Augen. Das ist ein Lernprozess, der sich niederschlägt in unserem Handeln in Kirche, in Gesellschaft und in Familie in all ihrer Vielfalt. Merkmale und Stichworte sind beispielsweise die gemeinsame Würde der Getauften, die Option für die Armen, interkonfessionelle und -religiöse Dialoge, ein gerechter Umgang der Geschlechter, Inklusion oder die Stärkung von Kindern und Jugendlichen. Wir müssen uns fragen und anfragen lassen, wie wir miteinander und mit den Realitäten unserer Zeit umgehen und wie unser Denken und Handeln als Zeugen des Evangeliums erkennbar ist.

Für die Phase der Umsetzung der Synodenergebnisse, das Erarbeiten und Konkretisieren von Konzepten und Maßnahmen, das Einrichten von Projekten und das gemeinsame Lernen und Üben neuer Sichtweisen und Haltungen – also für die Baustelle Kirche möge das Gebet des heiligen Franz von Assisi vor dem Kreuz von San Damiano uns Kraft geben.

               Höchster, glorreicher Gott,
               erleuchte die Finsternis meines Herzens.
               Und gib mir rechten Glauben,
               gefestigte Hoffnung und vollkommene Liebe,
               Gespür und Erkenntnis, Herr,
               damit ich erfülle
               Deinen heiligen und wahrhaften Auftrag.

                              Altissimo, glorioso Dio,
                              illumina le tenebre de lo core mio.
                              E damme fede dritta,
                              speranza certa e caritade perfetta,
                              senno e cognoscemento, Signore,
                              che faccia lo tuo santo e verace comandamento.

Sonntag, 27. März 2016

Unbändig


Vor mehr als 30 Jahren habe ich in Lindau am Bodensee in der Nähe des Diebsturms folgende Szene beobachtet:

Zwei alte Damen, beide in dunkelblauen Mänteln, liefen sich ein wenig wackelig vor einer langen hellen Mauer entgegen, ein wohl zufälliges Aufeinandertreffen. Sie drückten ihre unbändige Freude über das Wiedersehen aus, indem sie schon von weitem ihre Arme in die Höhe reckten, und ihre Gesichter strahlten wie die Sonne am Himmel.

Mich hat diese Szene damals sehr angerührt und, obwohl ich einen Fotoapparat in der Hand hatte, konnte ich den Auslöser nicht drücken. Es war irgendwie ein magischer, vielleicht ein heiliger Moment, den eine Aufnahme nie hätte erfassen können. Ich habe alles in meiner Erinnerung bewahrt, es ist mir zu einem Herzensbild geworden.

Warum mir das zu Ostern wieder in den Sinn kommt? Es ist diese unbändige und ehrliche Freude, die die beiden alten Damen so ausdrücklich verspürten und verbreiteten, die Freude, die das Leben segnet und die Hoffnung stärkt.

Sonntag, 22. März 2015

Ich habe keine Hände als eure


Predigt zu Lk 19,1-10 für eine Fastenandacht zur Synode im Bistum Trier 2013-16

   
 

Liebe Gemeinde,
ich habe mir Gedanken gemacht, wie ich Sie heute Abend begrüßen soll, welche Anrede ich wählen soll. Mein kluges zweijähriges Patenkind hat geraten, ich solle sagen: Guten Abend. Nach meinem ersten Schmunzeln, fand ich die Idee gar nicht so schlecht, ist es doch ein päpstlicher Einstieg. Denn das waren ja auch die ersten Worte, die Franziskus als frisch gewählter Papst an das Volk richtete.

Also, guten Abend, liebe Gemeinde!

Seit vergangenem Sommer bin ich Synodale. Ursprünglich hat mich die Kolpingjugend Diözesanverband Trier als Vertreterin der Jugendverbände vorgeschlagen. Nach dem Rücktritt der erstgewählten Jugendverbandsvertreterin bin ich als Mitglied in die Synode nachgerückt. Die dritte Vollversammlung Anfang letzten Oktober war meine erste und zum Einstieg und Ankommen ganz gut geeignet. Zu Beginn bekam ich – wie alle Synodale – eine Urkunde vom Bischof und diesen Synodenschal, der bei den gemeinsamen liturgischen Feiern getragen wird.

Am ersten Abend der Vollversammlung präsentierten alle Sachkommissionen ihre bisherige Arbeit, ihre Zwischenergebnisse, aber auch ihre Fragen auf einem sogenannten "Marktplatz". Dort gab es Gelegenheit zu regem Austausch, zu Gesprächen mit einzelnen Kommissionsmitgliedern, um tiefer in die Themen einzusteigen und auf Plakaten Anregungen für die Weiterarbeit zu hinterlassen. Mir hat das einen guten Überblick darüber verschafft, wo die Synode steht. Und ich habe gestaunt, wieviel Auf- und Umbruch da zu spüren war. Der Wunsch nach Veränderungen – in strukturellen wie inhaltlich-pastoralen Fragen – ist groß. So hat die Sachkommission 3 "Zukunft der Pfarrei", der viele Priester angehören, ganz plakativ und überspitzt formuliert: "Die alte Pfarrei ist tot!" Es wird unter anderem beklagt, dass zu viel Verwaltungsarbeit in den großen Einheiten auf den Pfarrern lastet und kaum noch Zeit für die Seelsorge lässt. Dass der Druck so hoch zu sein scheint und auf der Synode so deutlich benannt wird, hat mich überrascht.
Viele Wege und Modelle – auch solche, die in anderen Bistümern und Ländern schon gedacht und umgesetzt wurden – werden in den Sachkommissionen angeschaut, nachgedacht oder neu entwickelt. Oft passen die Begriffe, die wir heute verwenden, nicht mehr oder hängen zu sehr am bisherigen Verständnis. So wird auch um Worte, Namen und Formulierungen gerungen. Die Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen und im geschützten Raum der Synode und der Kommissionen alle Möglichkeiten zu denken, erlebe ich als hoch. Es geht um nicht weniger als um die Zukunft der Kirche von Trier, um die Verwirklichung des Reiches Gottes in der Kirche von Trier. Wieviel Aufbruch ist dazu nötig und wieviel Bewahren ist möglich? Oder umgekehrt: Wieviel Aufbruch ist möglich und wieviel Bewahren nötig?
An den folgenden zwei Tagen der Oktober-Vollversammlung hat jede der zehn Sachkommissionen ihren Arbeitsstand noch einmal im Plenum vorgestellt. Da wurden Fragen diskutiert, Anregungen und Vorschläge gegeben, Bedenken und Gegenpositionen formuliert. Die Diskussionen und Begegnungen auf der dritten – also meiner ersten – Vollversammlung habe ich als offen und konstruktiv erlebt. Am Ende habe ich mich dann entschieden, in der Sachkommission 8 mitzuarbeiten: "Die Vielfalt der Charismen entdecken und wertschätzen".
In die Arbeit dieser Sachkommission kann ich mein Verständnis von kirchlicher Jugendverbandsarbeit und ehrenamtlicher Verbandsarbeit ganz allgemein einbringen. Für das Synodenhandbuch habe ich geschrieben:

"Für viele Menschen ist Jesu Verheißung vom Leben in Fülle (Joh 10,10) in unserer Kirche nicht mehr spürbar, sie suchen Erfüllung außerhalb. Doch wir haben in unseren Jugend- und Erwachsenenverbänden eine Fülle an Leben, an Lebenserfahrungen und Talenten. Diese Talente zu fördern, nicht zu beschränken, diese Lebenserfahrung konstruktiv einzubinden in einer offenen einladenden Kirche – das ist meine Motivation."

Und das ist mir wichtig bei der Entwicklung von Empfehlungen und Handlungsoptionen, die dem Bischof am Ende aus jeder Sachkommission per Synodenbeschluss übergegeben werden. Unsere Sachkommission trifft sich etwa alle 4 Wochen. Bei den Treffen arbeiten wir intensiv, kreativ und in einer sehr angenehmen und offen Atmosphäre miteinander.

In der letzten Woche hat meine Mitsynodale hier bereits von den Inhalten unserer Sachkommission 8 berichtet. Was ist ein Charisma, welche Schritte machen wir gerade. Das möchte ich nicht alles wiederholen. Vielleicht noch einmal grundlegend: Ein Charisma ist eine Gnadengabe, die dem einzelnen Menschen von Gott geschenkt ist, damit er oder sie es einsetzt für andere und so mitbaut am Reich Gottes. Mein Charisma kann ich nicht selbst bestimmen, meist wird es von meinen Mitmenschen erkannt. Manche Charismen wirken unentdeckt, dann, wenn sie in die Welt hineinwirken wie ein stilles Gebet. Jeder Mensch ist von Gott beschenkt und darum ist es wichtig, Strukturen, Orte, Freiräume zu schaffen, wo jedes Charisma sich entfalten kann.

Unsere Sachkommission sieht die Zukunft in einer charismenorientierten Kirche. Nicht mehr die Frage "Was muss erledigt werden und wer macht’s?" steht dann in Vordergrund, sondern "Wer kann was? Und wie und wo kann er oder sie es einbringen?". Diese geänderte Frage- oder Blickrichtung wird gefördert durch eine gelebte Kultur der Offenheit. Und darauf möchte ich etwas näher eingehen.

In unserer Kirche, in unseren Verbänden wirken wir nach außen zu oft als geschlossene Gesellschaft. Wir sprechen zwar Einladungen aus: "Interessierte sind herzlich willkommen!" Aber das ist nicht spürbar. Häufig hören wir: "Ihr seid da ein so eingeschworener Verein, ich will da lieber nicht stören." Sich aufraffen und in ein fremdes Haus gehen – und für nicht wenige ist auch das Pfarrheim oder die Kirche ein fremdes Haus, dorthin gehen, das fällt schwer, besonders nach einem langen Arbeitstag oder wenn das bequeme Sofa oder – jetzt im Frühjahr und im Sommer – der eigene Garten viel einladender sind.

In der eben gehörten Lesung gibt Jesus uns ein ganz anderes Beispiel:
Sein Blick fällt nicht bloß auf die erste Reihe der am Straßenrand stehenden Menschen. Sein Blick geht weiter, er sieht auch den kleinen und von den anderen ungeliebten Zachäus da oben in seinem Baum hocken. Und dann macht Jesus einen überraschenden Schritt auf ihn zu. Er sagt nicht: "Ach Zachäus, schön, dass ich dich sehe. Komm doch mal vorbei, wir treffen uns immer um acht am Brunnen." – Nein, Jesus sagt: "Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein." (Lk 19,5) Ich muss, nicht: ich würde gerne – im griechischen Urtext wie in den Übersetzungen steht es so: Ich muss zu dir kommen. Heute!

Jesus geht mit einer Offenheit auf die Menschen zu, die an die Grenzen geht. Die Umstehenden empören sich: Wie kann er zu einem Zöllner gehen? Doch Zachäus, dieser Zöllner, kann sich durch diese Begegnung mit Jesus ändern, kann zu dem werden, der er wirklich ist: zu einem Menschen, der gesehen wird, der ernst genommen wird, um seiner selbst willen geliebt. Jetzt kann er wieder gut machen, was er zuvor falsch gemacht hat: zurückgeben, was er zuviel genommen hat, und seinen Reichtum teilen mit den Armen. Jetzt kann er teilnehmen an der Gemeinschaft und sich mit seinem Charisma einbringen.

Eine Kultur der Offenheit ist getragen von einer Haltung der offenen Arme. Wenn ich zu meinen Neffen gehe und mich runterbeuge – mich also auf Augenhöhe begebe – und die Arme weit öffne, passiert immer das Gleiche: Die Jungs kommen angerannt und werfen sich in meine Arme. Offene Arme sind einladend, mehr als ein ausgeprochenes oder geschriebenes Wort es je sein kann. Offene Arme schaffen Vertrauen, sie schaffen Barrieren ab, ich öffne mich. Ich möchte Sie einladen, jetzt hier die Arme zu öffnen.

Was jetzt passiert ist Begegnung und Vernetzung. Wir stoßen an den Nachbarn an, kommen in direkten Kontakt. Aber wir spüren auch, wenn wir länger so stehen oder sitzen, werden die Arme schwer. Diese Haltung ist nicht immer einfach. Es fällt z. B. schwerer, die Arme zu öffnen für Menschen, die wir nicht auf Anhieb mögen. Und wir bieten mit dieser offenen Haltung ja auch Angriffsfläche für andere und machen uns verletzlich. Jesus hat genau das getan, er hat die Arme weit geöffnet für die Begegnung mit den Menschen, mit uns Menschen. Er hat sich verletzlich gemacht bis ans Kreuz. Und wenn Thomas seine Finger in Jesu Wunden legt, dann wird diese Verletzlichkeit zum Erkennungszeichen. (Joh 20,27) Es ist eine große Herausforderung für uns, die in der Nachfolge Jesu liegt: aktiv und mit einladender Haltung die Begegnung mit Menschen suchen: sie sehen, sie ernst nehmen, indem wir in ihre Welt gehen. So wie Jesus in die Welt, in das Zuhause des Zöllners Zachäus gegangen ist, trotz aller Empörung der Umstehenden. "... ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein." (Lk 19,5)

Eine Kultur der Offenheit braucht offene, einladende Arme, offene Augen, offene Sinne und offene Herzen. Im weiteren Verlauf der Synode und darüber hinaus werden wir, nicht nur die Synodalen, sondern wir alle in den Gemeinden und Verbänden unseres Bistums darum ringen und das üben: die Argumente der anderen bedenken, uns einlassen auf neue Ideen, neue Wege, und vielleicht auch auf ganz neue Strukturen und auf ein ganz neues Handeln im miteinander Kirche sein.

Ich habe ein Bild mitgebracht aus der Seitenkapelle der Marienburg an der Mosel. Dort hängt der Korpus Jesu und anstelle der Arme ist ein Schriftzug: "Ich habe keine Hände als eure". Das ist unsere Sendung, sein Auftrag an uns: Tut ihr, was notwendig ist zum Aufbau des Reiches Gottes. Tut ihr, wie ich es euch vorgelebt habe. Geht hinaus zu den Menschen, setzt eure Talente und Fähigkeiten ein für die Gemeinschaft, auf dass diese Talente zu Charismen wachsen und wirken. Bringt die Frohe Botschaft und verändert die Welt!

Der Satz "Das war schon immer so" ist dem Aufbau des Reiches Gottes nicht dienlich, er ist dem Leben nicht dienlich. Leben ist Veränderung, Wachstum. Das sehen wir an unserem eigenen Leben von der Geburt bis jetzt und noch weiter, das sehen wir auch in der Natur. Das Leitwort der Misereor-Fastenaktion 2015 ist: "Neu denken! Veränderung wagen."

Und das können wir ganz zuversichtlich wagen. Wir haben alles, was wir dazu brauchen:
Denn einer – Jesus – geht mit uns, wie er verheißen hat: "Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt." (Mt 28,20) Wir sind nicht allein, niemals!
Und wir sind gerüstet und beschenkt von Gott: Entdecken wir die Vielfalt unserer Charismen, wertschätzen und fördern wir sie, damit sie reiche Frucht bringen!
Dann ist schon heute "diesem Haus das Heil geschenkt worden." (Lk 19,9)

Sonntag, 15. März 2015

Lernerfolg


Erkläre einem 6-Jährigen Sonnen- und Mondfinsternis, während alle nach dem Kaffee gemütlich auf dem Sofa sitzen: Mit Spielsteinchen, das sich vor Spielsteinchen und im zweiten Versuch vor eine Taschenlampe schiebt, war die Sache mit den Lichtkranz von selbst klar. Aber wer schiebt sich wann in wessen Schatten? - "So, ich bin die Sonne, der Opa ist die Erde und du bist der Mond. Jetzt lauf um den Opa! Stop! Jetzt stehst du zwischen Sonne und Erde und von der Erde kann man die Sonne nicht mehr sehen. - Lauf weiter, stop! Und jetzt ist der Opa, also die Erde, zwischen Sonne und Mond ..." Da erhellt sich das kleine Gesicht: "Ahhh! Jetzt versteh ich! Jetzt hab ich wieder was Neues gelernt."




Schön zu sehen, wie aus der Finsternis ein Licht aufgeht.

Mittwoch, 4. März 2015

Staunen atmen


Geschrieben für eine Frühschicht in der Fastenzeit:


Den Atem anhalten – so ist die heutige Frühschicht überschrieben. Den Atem halten wir ganz bewusst an, wenn wir besonders leise sein, uns verstecken und nicht auffallen wollen. Und es gibt Situationen, wo uns der Atem plötzlich wegbleibt:
Wenn die Angst uns die Kehle zuschnürt, wenn wir etwas Bedrohliches erleben. Oder auch wenn wir etwas atemberaubend Schönes sehen, wenn uns das Staunen überrascht. In beiden Situationen – der der Angst und der des Staunens – werden wir uns unseres Lebens in besonderer Weise bewusst. Und in beiden Situationen stockt uns der Atem für einen Moment, um dann ganz von selbst wiederzukommen. Atmen geht automatisch, wir müssen nichts dazu tun. Der Atem, der Lebensatem ist uns von Gott geschenkt.
Er blies dem Menschen den Atem ein und machte ihn zu einem lebendigen Wesen. In einer textnahen Bibelübersetzung heißt es: "So wurde der Mensch eine lebende Seele."(1)

Den Atem anhalten – heißt für uns in der Fastenzeit innehalten, das Leben für einen Augenblick anhalten, den Moment genießen, auskosten. Für kurze Zeit wird der Alltag, die Hektik, die Welt ausgeblendet. Wir sind ganz im Hier und Jetzt. Nichts lenkt uns ab von dem, was uns staunen lässt. Etwas, das uns plötzlich überfällt mit seiner Schönheit, seiner Eigenheit, ganz unerwartet und geschenkt: vielleicht ein leuchtend roter Sonnenaufgang, das erste Grün an kahlen Bäumen, ein Lichtstrahl durch buntes Glas, der eine besondere Atmosphäre zaubert. Vielleicht eine sanfte Berührung, das Zwitschern der Vögel am frühen Morgen, ein Lächeln, ein Kind, das mit offenen Armen und vertrauensvoll auf uns zu läuft. Der besondere Moment, in dem Leben geboren wird oder vergeht, wenn Versöhnung wieder möglich ist, wenn Heilung gelingt.

Den Atem anhalten – heißt auch, wieder zu Atem zu kommen, im hektischen Tagesablauf einmal zur Ruhe finden. Bewusst Stopp sagen, Pause machen, um sich zu konzentrieren auf das Wesentliche, das Wichtige. So können wir uns neu sortieren, neue Energie tanken, Kraft schöpfen, von der Quelle des Lebens trinken.
Im Staunen öffnen wir uns neu für das Leben, das Herz wird weit, der Kopf wird leer und macht der Seele Platz zum Tanzen.

Vielleicht gelingt es uns in der Zeit bis Ostern besonders, unserem Lebensatem zu folgen, das Staunen neu zu lernen. Goethes Faust hat eine tiefe Sehnsucht danach und geht dafür sogar einen Pakt mit dem Teufel ein: „Werd ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! Du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen …“
Am Ende aber hat er auf den Falschen gesetzt. Denn Leben und Staunen, Atem und Seele sind uns von Gott geschenkt ohne Gegenleistung, einfach so aus Liebe zu Seiner Schöpfung.


(1) Gen 2,7 Elberfelder Bibel

Donnerstag, 1. Januar 2015

Fabula rasa





















"Du weißt nicht, was ich male.""Ein Seepferdchen?""Nein. Das ist ein Hai. Hier das ist die Flosse", mein 4-jähriger Neffe zeigt erst auf die linke Seite seiner Zeichnung, dann auf die rechte, "und das ist das Maul und der Bauch. Und unten hat er noch eine Flosse. Drei Flossen. Und der Strich ist das Gehirn." Er nickt ernsthaft. "Haie sind gefährliche Fische.""Ja, das sind Raubfische."

Diese kleine Szene hat sich am ersten Weihnachtstag abgespielt. Seitdem denke ich darüber nach. Über die Raubfische, die mich in den vergangenen Monaten umkreist haben: Gewohnheiten und Befindlichkeiten, Stimmungen und Gefühle, die – wenn sie übermächtig werden – gefährlich sind.

In einer Ansprache an die Mitarbeiter der Kurie hat Papst Franziskus kurz vor den Feiertagen fünfzehn Krankheiten benannt, die er nicht nur für die Kurie, sondern für die ganze Kirche beschreibt. Da, wo Menschen miteinander leben, arbeiten, zu tun haben, da lassen sich die vom Papst aufgezählten Krankheiten wie Narzissmus, Halsstarrigkeit, Eitelkeit und Arroganz ausmachen.

Ich nehme das Bild dieses Hais mit in das gerade begonnene Jahr als Mahnung für einen wachsamen Umgang mit meinen Adebars, Hennings, Gieremunds und Boldewyns 2015.

Freitag, 31. Oktober 2014

Übergang


Es ist die Nacht von Oktober auf November, der Weinmond wechselt zum Nebelmond. Für die Kelten ging nicht nur der Sommer, sondern auch das Jahr zu Ende. Sie dachten an die Seelen ihrer Vorfahren und glaubten an die Rückkehr der Geister in dieser einen Nacht. Und sie zu beschwichtigen, wurden Leckereien gesammelt und dargebracht.

Seit einigen Jahren schwappt dieser Brauch, zwischenzeitlich ausgewandert und amerikanisiert, über den Atlantik nach Europa zurück und erfreut sich – wie vieles, was "Uncle Sam" vormacht – immer größerer Begeisterung: Zu Halloween bevölkern Hexen, Vampire, Zombies und Gruselfans die Straßen mit immer skurrileren Auswüchsen, sodass die Polizei erhöhte Einsätze fährt, um der modernen Untoten Herr zu werden.




Die Untoten findet man im Duden zwischen untilgbar und untragbar. 
Mir kommt in den Sinn: Was er nicht weiter ertragen konnte oder wollte, formulierte Luther in 95 Thesen und Fragen und sandte sie Ende Oktober 1517 an seinen Kirchenfürsten. Daran erinnert die evangelische Kirche am Reformationstag. Und in der Erinnerung untilgbar bewahrt werden die Geschichten und Legenden vom Leben der Heiligen und Verstorbenen, an die in der katholischen Kirche an Allerheiligen und Allerseelen gedacht wird.

Die Feste ballen sich in diesen Tagen des Übergangs zwischen zehntem und elftem Monat, zwischen Tradition und Erneuerung und zwischen Tod und Leben. Mit lautem Gehabe übertönt das inzwischen so kommerzielle Halloween die Stille der beiden kirchlichen Feiertage.

Ich spüre, dass ich diesem neuen Trend nichts abgewinnen kann. Ich brauche weder Zuckerschock noch pseudolustige Streiche, noch eine weitere Kostümparty, um dort die Alltagshektik in Vergessenheit zu ertränken. Nicht lauter, schriller, schauerlicher! Ich möchte leise werden, nachdenklich und herausfinden, was ich zurücklassen und was ich mitnehmen will in die nächste Zeit.

Donnerstag, 31. Juli 2014

Dreimal durchgespielt


In zehn Schritten von Krieg zu Frieden:

     Kriegsangst
          Angstschweiß
               Schweißperlen
                    Perlenketten
                         Kettenbrief
                              Briefkarten
                                   Kartenspieler
                                        Spielernatur
                                             Naturreligion
                                                  Religionsfrieden

                                                  Kriegsgebiet
                                             Gebietsreform
                                        Reformhaus
                                   Hausrat
                              Ratssitzung
                         Sitzungskultur
                    Kulturgenuss
               Genussmenschen
          Menschenseelen
     Seelenfrieden

     Kriegswaffen
          Waffengewalt
               Gewaltherrschaft
                    Herrschaftszeiten
                         Zeitenwende
                              Wendekreis
                                   Kreislauf
                                        Laufgeschäft
                                             Geschäftswelt
                                                  Weltfrieden

Was, wenn es tatsächlich so einfach wäre wie dieses Wortspiel?